Die großen Kriminalfälle

 

 

 

 

 

 

21. Fall - Peter Kürten, der Massenmörder von Düsseldorf (1931)

 

 

 

 

 

Das Zimmer lag im ersten Stock. Die Gaslaterne vor dem Haus schickte ihr Licht durchs Fenster und holte aus dem Dunkel die Umrisse der klobigen Möbel hervor. Eine Diele knarrte: der Mann hatte sich erhoben. Er wischte sich die Hände flüchtig am Bettlaken ab, steckte das Messer ein und ging zur Tür. Einen Moment lang blieb er stehen und horchte. Un­ten in der Schenke war es still, nur aus der Küche kam das Geklapper von Gläsern und Geschirr.
Lautlos stieg der Mann die Treppe hinab und trat aus dem Haus. Es war elf Uhr nachts.
Die Besitzer der Gastwirtschaft, das Ehepaar Klein, fleißige Leute, waren noch immer an der Arbeit. Der Wirt machte Kasse, seine Frau war nebenan in der Küche und spülte ab. An diesem Sonntag, dem 25. Mai 1913, war die Fronleichnamskirmes von Köln-Mülheim zu Ende gegangen, und in der Wirtschaft war mehr Betrieb gewesen als sonst.
Der schale Gestank von Bier und billigen Zigarren zog vom Schankraum bis in die Küche. Frau Klein hob mit beiden Händen einen Stapel Teller aus dem Wasser und begann abzutrocknen.
»Ich bin fertig«, rief Peter Klein von nebenan.
»Geh nur hinauf«, sagte sie. »Ich komme gleich nach.«
Sie hörte ihn im Flur herumstapfen und die Haustür verriegeln.
Vielleicht zehn Minuten später band Frau Klein die durchnäßte Schürze ab, löschte das Licht in der Küche und ging nach oben. Wie es ihre Gewohnheit war, wollte sie noch einmal nach ihrer kleinen Tochter sehen, die in dem Zimmer gegenüber der Treppe schlief.
Christine war neun Jahre alt und hatte einen gesunden Schlaf. Wie man sie hinlegte, so blieb sie bis zum Mor­gen, aber die Mutter hätte es nicht fertiggebracht, zu Bett zu gehen, ohne vorher einen Bück auf die Kleine geworfen zu haben. Christine war ein blasses, sehr hüb­sches Kind, mit weich geschwungenem Mund, hellem Haar und großen sanftmütigen Augen.
In sich hineinlächelnd drückte Frau Klein die Klinke nieder und trat in das Zimmer, das vom Lichtschein der Straßenlaterne schwach erleuchtet war.
Sie stutzte - das dicke Federbett, mit dem sie ihr Töch­terchen vor ein paar Stunden sorgsam zugedeckt hatte, lag jetzt mitten auf dem Fußboden. Frau Klein ging mit raschen Schritten auf das große Bett zu, das links neben dem Fenster stand.
Ihre Schreie gellten durch die Stille. Peter Klein kam angerannt, was war denn geschehen, die Frau schrie, daß einem kalt wurde vor Entsetzen, auch der Hausgenosse Burscheid stürzte herbei. Frau Klein schrie, bis sie zu­sammenbrach.
Christine war tot. Sie lag quer übers Bett gestreckt, triefend von Blut, mit gespreizten Beinen.
Sie war gewürgt worden, bis sie sich die Zunge zerbis­sen hatte. Ein brutaler Griff hatte die Scheide aufgerissen. Man hatte ihr zweimal die Kehle durchschnitten. Ihr Kopf hing über die Bettkante.

Auf der Suche nach dem Mörder ging die Polizei von der Voraussetzung aus, daß nur jemand, der mit dem Haus vertraut war, als Täter in Betracht kam. Sowohl Christines Zimmer als auch der Umstand, daß die Ehe­leute Klein noch zu später Stunde in der Wirtschaft be­schäftigt zu sein pflegten, mußte ihm bekannt gewesen sein. Einem Fremden hätte es nie gelingen können, unbe­merkt zu kommen und zu verschwinden.
Es gab ein wichtiges Indiz: Der Mörder hatte sich nicht nur die besudelten Hände am Bettlaken gesäubert, er hatte außerdem ein blutverschmiertes Taschentuch zu­rückgelassen.
Das Tuch hatte einen schmalen blauen Rand und trug das Monogramm P. K.
Nun hieß zwar der Vater des Opfers Peter Klein, doch da er als Täter nicht in Frage kam, fiel der Verdacht auf seinen jüngeren Bruder Otto.
Otto Klein war ein Metzgergeselle, ein Schlächter von Beruf, schon allein sein blutiges Handwerk war eine in­direkte Belastung. Zwischen ihm und seiner Nichte Chri­stine schwebte eine Erbschaftsstreitigkeit. Vor kurzem hatte er gedroht, er würde der Familie einen Denkzettel verabreichen, den sie nicht so schnell vergessen würde. Mehrere Zeugen hatten zur kritischen Stunde einen Mann in einem Pfeffer-und-Salz-Anzug aus dem Haus kom­men sehen. Otto Klein besaß einen solchen Anzug.
Die Polizei war sehr zufrieden mit dem Erfolg ihrer Ermittlungen. Der Metzgergeselle allerdings beteuerte verzweifelt seine Unschuld. Er wehrte sich mit Händen und Füßen gegen die Unterstellung, daß der Mörder aus dem engsten Bekanntenkreis stammen sollte. Sicherlich war es ein Dieb gewesen, der das Kind tötete, weil es ihn entdeckt hatte, ein fremder Streuner, ein Einschleicher -kurz, Otto Klein berief sich, genau wie die Polizei erwar­tet hatte, auf den "großen Unbekannten". Es half ihm nichts, er wurde verhaftet und vors Schwurgericht ge­stellt.
Er fand gewissenhafte Richter. In dubio pro reo. Sie mochten wohl in ihm den wahrscheinlichen Täter sehen, doch sie entschieden, daß die Belastungsgründe nicht aus­reichten.
Otto Klein wurde mangels Beweisen freigesprochen. Er hatte - damals gab es in Deutschland noch die Todes­strafe - sein nacktes Leben gerettet, aber das war auch alles. In der Nachbarschaft zeigte man mit Fingern auf ihn. Hier geht der Mörder! Für den Geächteten war es eine Erlösung, als 1914 der Krieg ausbrach. Otto Klein rückte ein und fiel 1915 in Rußland. Niemand weinte ihm eine Träne nach.
Erst viel später - hätte Christine noch gelebt, wäre sie nun eine junge Frau gewesen, eine Fünfundzwanzigjäh­rige, mit schönem, weich geschwungenem Mund und sanftmütigen Augen - begann man von neuem Vermu­tungen über ihren Tod anzustellen.
In Düsseldorf wurde am 10. Februar 1929 die Leiche der neunjährigen Rosa Ohlinger gefunden. Die bestiali­sche Grausamkeit, mit der dieser Mord verübt worden war, erinnerte an den ungeklärten Fall von Mülheim. Trotz der Pause von sechzehn Jahren, die dazwischen lag, erwog man die Möglichkeit, daß es sich um denselben Täter handeln könnte. Zweifellos aber bestand ein Zu­sammenhang zwischen dem Mord an dem Kind Ohlinger und einem anderen, genau eine Woche vorher, am 2. Fe­bruar, verübten Mordversuch an einer Frau Apollonia Kühn, die in der Dunkelheit überfallen und mit achtzehn Stichverletzungen ins Krankenhaus gebracht worden war.

Diese beiden Untaten waren jedoch nur der Beginn einer Mordserie, die kein Ende zu nehmen schien. Bereits am 12. Februar wurde der Invalide Rudolf Scheer mit siebzehn Messerstichen getötet, und von da an ging es Schlag auf Schlag. Wahllos stillte der Mörder seine Blut­lust an Kindern, Frauen und Männern. Niemand schien mehr seines Lebens sicher, Düsseldorf wurde von Panik erfaßt.
Aus der genauen Ortskenntnis des Mörders schloß die Polizei, daß er in Düsseldorf lebte, eine Folgerung, die auch jeder halbwegs intelligente Laie zustande gebracht hätte. Es schien anfangs eine beinahe hoffnungslose Auf­gabe, unter 500 000 Einwohnern den Schuldigen heraus­zufinden, doch sie hätte sich überraschend schnell lösen lassen, wenn die Polizei nicht Fehler über Fehler began­gen hätte. Die Nachforschungen dauerten fünfzehn Mo­nate und sind kein Ruhmesblatt in der Geschichte der Düsseldorfer Kriminalpolizei.
Zugegeben, ihre Arbeit war nicht leicht. Alle mögli­chen Spuren mußten verfolgt, unzählige Zeugen verhört werden. Überfallene, die dem Angreifer lebend entkommen waren, behaupteten, daß er fünfundzwanzig, acht-undzwanzig, fünfunddreißig Jahre alt sei. Sie schilderten ihn entweder als dunkelblond oder als schwarz, als Ar­beiter, als den besseren Ständen angehörig.

Zweihundert Psychopathen bezichtigten sich mündlich oder schriftlich der Täterschaft.

Täglich liefen aus der Bevölkerung zirka 300 Hinweise, im Lauf der Zeit insgesamt 12 000 ein. Darunter waren zwei Anzeigen, die sich gegen einen gewissen Peter Kür­ten richteten, der wegen Gewalttätigkeit und anderer Vergehen ein langes Strafregister hatte.
Hellseher, Medien und Astrologen rannten der Poli­zei die Tür ein und erboten sich, das Rätsel zu günstigem Preis zu lösen.

Währenddessen setzte der Massenmörder ungehindert seinen blutigen Amoklauf fort. Am 24. Mai 1930 wurde er endlich gefaßt - durch Zufall und keineswegs durch die Findigkeit der Polizei. Die Zeitungen schrien in rie­sigen Schlagzeilen seinen Namen in die Welt: Peter Kürten.
Es war der Mann, der in einer längst vergangenen Mai­nacht am Bett der Christine Klein ein Taschentuch mit den Initialen P. K. zurückgelassen hatte.
In der Zeit vom 2. Februar 1929 bis zum Tage seiner Verhaftung hatte Peter Kürten an fünfundzwanzig Men­schen seine sadistische Gier befriedigt.

Apollonia Kühn   Mordversuch
Rudolf Scheer   Mord
Rosa Ohlinger 8 Jahre alt Mord
Maria Wassmann     Erwürgungsversuch
Maria Hahn    Mord
Anne Goldhausen   Mordversuch
Olga Mantel   Mordversuch
Heinrich Kornblum      Mordversuch
Gertrud Hamacher 5 Jahre alt Mord
Luise Lenzen 13 Jahre alt Mord
Gertrud Schulte        Mordversuch
Karoline Heerstraas      Mordversuch
Sofie Rück     Mordversuch
Maria Radusch             Erwürgungsversuch
Ida Reuter    Mord
Elisabeth Dörrier       Mord
Hubertine Meurer     Mordversuch
Klara Wanders      Mordversuch
Gertrud Albermann 5 Jahre alt Mord
Hildegard Eid    Nötigung und Erwürgungsversuch
Marianne del Santo   Erwürgungsversuch
Irma Becker    Erwürgungsversuch
Gertrud Hau      Bedrohung
Charlotte Ulrich        Mordversuch
Maria Butlies    Erwürgungsversuch

Bei allen diesen Untaten, auch jenen, die vor der Düs­seldorfer Zeit lagen, war Peter Kürten mit instinktiver Schlauheit zu Werke gegangen, doch hatte er nur die primitivste Vorsicht walten lassen, um sich vor Entdeckung zu schützen. Er hatte weder Überlegungen über die Folgen seiner Taten angestellt, noch wäre ihm je in den Sinn gekommen, sein Verlangen nach Blut zu bezähmen.
Er hatte gemordet, dem gleichen Zwang gehorchend, der den Hund wie den Eber zur Begattung treibt.

Kürten war zur Zeit seiner Verhaftung siebenundvierzig Jahre alt, verheiratet, er sah aus wie ein kleiner Be­amter mittlerer Besoldungsstufe. Niemand hätte ihn für einen Massenmörder gehalten oder vermutet, daß er viel­fach vorbestraft war. Er hatte ein vertrauenerweckendes Gesicht, ein festes Kinn, klug blickende blaue Augen, das blonde Haar war stets korrekt gescheitelt. Es war auch reichlich pomadisiert. Kürten war ein Vorstadtdandy, er leistete sich schicke Krawatten, der billige Anzug war scharf gebügelt. Kürten legte Wert auf ein gepflegtes Äußeres. Auf seinen Spaziergängen hatte er immer einen Putzlappen bei sich, um seine Schuhe blankhalten zu können. Seinen Damenbekanntschaften gegenüber machte er sich um zehn Jahre jünger und gab sich gern als pensions­berechtigter Schlosser der Gasanstalt, als Eisenbahner oder Postbeamter aus.
In Wirklichkeit war er Arbeiter. Die gewählte Aus­drucksweise, mit der er allen imponierte, verdankte er den Gefängnisbibliotheken. Er hatte viel und wahllos ge­lesen, von Gustav Freytag und Sienkiewicz über Lombroso und andere wissenschaftliche Werke bis zu den be­liebten Romanen von Rudolf Herzog.
Kürtens adrettes Aussehen, sein höfliches Benehmen ließen in den Opfern, die er auf der Straße ansprach, nicht den geringsten Argwohn aufkommen. Sie gingen mit ihm Kaffee trinken, sie gingen mit ihm in den finste­ren Wald.
Jede Frau zitterte damals vor dem Sexualverbrecher, der Düsseldorf unsicher machte, aber vor diesem honet­ten Mann hatte keine von ihnen Angst. Das war einer der Gründe, warum er so lange sein Un­wesen treiben konnte.
Doch der Fall Peter Kürten ist nicht nur vom krimi­nalistischen Standpunkt aus interessant. Nie hat ein Lust­mörder so bereitwillig und so ausführlich Aufschluß über sich gegeben, wie Kürten es tat. Sein der Eitelkeit ent­springendes Mitteilungsbedürfnis wurde durch ein phä­nomenales Gedächtnis ergänzt. Sein Erinnerungsvermö­gen hatte die grausigen Einzelheiten seiner Verbrechen aufs genaueste festgehalten. Und er sprach von ihnen ohne jede Hemmung. Kürten war bei den tagelangen polizeilichen Verhören mehr als geständig, die Angaben sprudelten aus ihm her­aus, er bekannte sich zu Taten, die man nie mit ihm in Verbindung gebracht hätte.

  

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

    

Er blieb, drei Punkte ausgenommen, strikt bei der Wahrheit.

Der erste Punkt betraf die Rolle, die seine Frau bei sei­ner Verhaftung gespielt hatte - ein Thema, das in unse­rem Bericht später behandelt werden wird.
Zweitens nahm er drei Morde auf sich, die er nie be­gangen hatte.
Und drittens behauptete er, das Motiv seiner Taten wäre "Rache an der Menschheit" gewesen, für alles, was er in den Gefängnissen erlitten habe.
Doch während der Untersuchungshaft und später, als er auf die Urteilsvollstreckung wartete, führte er mit dem Gerichtsarzt, Professor Berg, Monate hindurch lange Ge­spräche. Ihm vertraute er sich rückhaltlos an, ihm gab er offen zu, daß er im Sexualrausch gemordet hatte, Erwach­sene und Kinder, sogar einen schlafenden Schwan, dem er den Hals abgeschnitten hatte, um sein Blut zu trinken.
Professor Berg hatte Kürten über ein Jahr unter Be­obachtung und führte Buch über diese Unterhaltungen. Für ihn waren Kürtens Berichte, die er darin wortwört­lich zitierte, klinisches Material, doch darüber hinaus sind sie ein einmaliges Dokument über den Lebenslauf und die geheimsten Empfindungen eines menschlichen Unge­heuers.

Peter Kürten wurde am 26. Mai 1883 in Mülheim ge­boren, in derselben Stadt, in der er am Vorabend seines 30. Geburtstages Christine Klein ermordete. Er war das drittälteste Kind unter elf Geschwistern. Sein Vater war ein Sandformer, ein tüchtiger Arbeiter, aber schwerer Al­koholiker. Er vertrank seinen Lohn, mißhandelte Frau und Kinder. Die gesamte Familie hauste in einem einzi­gen Zimmer, alles spielte sich vor aller Augen ab, auch der eheliche Beischlaf. Kürtens Vater war nicht nur ein Trunkenbold, sondern auch ein Erotomane. Er stellte den heranwachsenden Töchtern nach und kam schließlich wegen versuchter Notzucht an der ältesten Tochter für eineinhalb Jahre ins Zuchthaus.
Mit dieser Schwester, aber auch mit bereitwilligen Schulkameradinnen machte der sechsjährige Peter Kürten seine ersten frühreifen Erfahrungen. Als Achtjähriger brannte er von daheim durch und lebte drei Wochen lang von Straßendiebstählen, bis ihn die Polizei aufgriff.

Trotzdem, gemessen an dem Milieu, aus dem er stammte, war bis dahin nichts Ungewöhnliches an ihm, kein Hinweis, daß sein Weg zum Schafott führen sollte.
Der entscheidende Punkt seiner Entwicklung kam, als er, neunjährig, mit einem Hundefänger Freundschaft schloß.
"Sie wollen wissen", sagte Kürten dem Gerichtsarzt Professor Karl Berg, zu dem er solches Vertrauen gefaßt hatte, daß er nichts vor ihm verbarg, "wann ich meine Neigung zur Grausamkeit entdeckte. Das liegt schon lange zurück. Als wir in Köln-Mülheim lebten, wohnte ein Hundefänger im gleichen Haus. Zu dieser Zeit gab es in jeder Stadt einen Hundefänger. Die Hunde wurden eingefangen, geschlachtet und gegessen. Das Fett wurde als etwas Besonderes verkauft, man verwendete es, um Spinnweben über Wunden zu kleben. Dieser Hundefän­ger folterte die Hunde, die er eingefangen hatte. Zum Beispiel pflegte er sie mit Nadeln zu stechen, oder er brach ihnen den Schwanz ab und sagte, er könne daran erken­nen, ob die Tiere wirklich gesund seien. Ich sah ihm häu­fig zu und genoß es. Ich war damals neun Jahre alt. Der Hundefänger zeigte mir auch, was man machen muß, um einen Hund anhänglich zu machen. Er lehrte mich mit den Genitalien des Tieres zu spielen, bis es ejakulierte. Ein solcher Hund bleibt einem für immer treu. Später, als ich dreizehn war, dachte ich oft an den Hundefänger, wenn ich Vögel aus den Nestern nahm oder mit anderen Jungens Eichhörnchen und junge Marder fing. Die haben wir dann auf dem Markt verkauft. Ich habe noch immer eine Narbe an meinem Finger, wo mich einmal ein Eich­hörnchen gebissen hat. Ich mußte ihm den Hals zusam­menpressen, damit es losließ. Ich hatte dabei eine Ejakulation. Blut zu sehen, gab mir immer ein angenehmes Gefühl. Zu dieser Zeit schlachteten noch viele Leute zu Hause ihre Schweine, und ich sah immer gern zu. Schon als Schuljunge sah ich gern Brände. Das Schreien und die Aufregung der Leute machten mir Vergnügen. Als ich dreizehn war, wußte ich schon alles über sexuelle Angelegenheiten und wollte es selber probieren. Ich ver­suchte es mit einer Schulkameradin und kam soweit, daß ich ihren nackten Körper berührte, aber das Mädchen hielt nicht still. Da fiel mir ein, es mit Tieren zu ver­suchen. Die Leute hielten damals Ziegen und Schafe in den Ställen. Ich hatte Geschlechtsverkehr mit einem Schaf. Ich stach dabei mit einem Messer auf das Tier ein. Zwei oder drei Jahre lang machte ich das immer wie­der."

Von früher Jugend an war Kürten mit dem Gesetz in Konflikt gekommen. Nachdem seine Familie 1894 nach Düsseldorf übergesiedelt war, wo er seine Schulzeit be­endete, kam er als Lehrling in die Düsseldorfer Fabrik, in der auch sein Vater arbeitete. Die Lehrlinge wurden dort in strenger Zucht gehalten. Prügel waren an der Tages­ordnung.
Halbwüchsige träumen gern von Abenteuern und Frei­heit. Kürten gelang es, seine Träume in Wirklichkeit um­zusetzen.
Er war noch keine sechzehn Jahre alt, da unterschlug er 100 Mark Lohngelder, kleidete sich neu ein und brannte nach Koblenz durch. Dort sprach ihn ein Straßenmädchen an, und er machte mit ihr eine Rheinreise. "Es hat sich so ergeben", sagte er später, "eigentlich fühlte ich mich zu dem Mädchen nicht besonders hingezogen."
Aber er blieb mit ihr zusammen, bis das Geld ver­braucht war. Für die Unterschlagung wurde er zu zwei Monaten Gefängnis verurteilt, die er in der Strafanstalt Düsseldorf-Derendorf verbüßte.
Seine nächste Freundin, Frau M., sollte eine wichtige Rolle in seinem Leben spielen. Sie setzte den sadistischen Unterricht fort, den der Hundefänger begonnen hatte. Frau M., die in Düsseldorf eine Mansardenwohnung hatte, nahm den Jungen bei sich auf. Sie hatte eine sech­zehnjährige Tochter, und Kürten, der damals ebenfalls sechzehn war, hätte ihr Sohn sein können. Frau M. wollte beim Liebesakt geschlagen und gewürgt werden. Peter Kürten hatte eine unheilvolle Partnerin gefunden.

Die Hausbewohner protestierten so lange gegen das Zusammenleben dieses ungleichen Paares, bis Frau M. ihrem Liebhaber erklärte, er müsse ausziehen.
Kürten ging - doch er fand sich mit der Trennung kei­neswegs ab. Eines Tages stieg er durchs Dachfenster ein, und mit den Worten: "Ich steche dich noch einmal ka­putt !" nahm er die Wohnungsschlüssel an sich und ver­schwand.
Frau M. hatte es zwar gerne, bei passender Gelegen­heit mißhandelt zu werden, aber gegen diese lieblose Be­drohung erstattete sie prompt polizeiliche Anzeige.
Kürten kam wegen Hausfriedensbruchs ins Gefängnis.
Wie stark seine Bindung an Frau M. war, zeigt sich daraus, daß er sofort nach seiner Entlassung wieder bei ihr eindrang und sie von neuem bedrohte. Er besaß es doch einmal, was so köstlich ist, daß man doch zu seiner Qual nimmer es vergißt. Er hatte ein Heim, eine laster­hafte Gefährtin, ein warmes Nest gehabt. Daß es ihn zu Frau M. zurückzog, war genauso verständlich, wie daß er sich dabei gewalttätig aufführte. Es lag nicht nur an sei­nem Charakter, er hatte es im Elternhaus nicht anders ge­sehen.
Diese zweite, bei aller Roheit pathetische Auseinander­setzung mit Frau M. brachte ihm eine neue Gefängnis­strafe.
Von da an kam er immer wieder vor Gericht, haupt­sächlich wegen Einbruchsdiebstähle, und schließlich wurde er zu zwei Jahren Gefängnis verurteilt.
In seiner Zelle dachte er viel an Frau M. und belebte die graue Einsamkeit durch sadistische Vorstellungen. Dabei fiel ihm Elisabeth Brenner, seine frühere Schulka­meradin, ein. Elisabeth war ein nettes, anständiges Mäd­chen. Kürten malte sich fasziniert aus, daß er sie wieder­sehen und vielleicht töten würde. Kaum war er freigelassen, begann er Elisabeth Bren­ner nachzustellen. Da sie nichts mit ihm zu tun haben wollte und ihre Familie ihm das Haus verbot, schleuderte er zuerst durch ein Fenster ein Beil in die Küche, tags darauf, nachdem er vom Hof aus Elisabeth beim Ankleiden beobachtet hatte, warf er einen faustgroßen Stein in ihr Zimmer, und kaum hatte sich die Aufregung über diesen Vorfall gelegt, gab er drei Revolverschüsse ab, die glück­licherweise niemanden verletzten.
Er lief fort und wollte sich im Grafenberger Wald verstecken, wurde aber verfolgt und verhaftet. Resultat: ein Jahr Gefängnis.

Nach Verbüßung dieser Strafe ging er zu Frau M., die ihn trotz des früheren Zerwürfnisses aufnahm. Aber der Bann, der ihn zu ihr zurückgeführt, war gebrochen. Jetzt galt sein Interesse nicht der Mutter, sondern der Tochter.
Diese Beziehung scheint ihn nicht restlos befriedigt zu haben, denn er fand eine neue Variante, um sich sexuell zu erregen: er begann Heuschober und Scheunen anzu­zünden.
Das Knistern der Flammen, der zum nächtlichen Him­mel auflodernde Brand, die gellenden Signale der Feuer­wehr waren für Kürten ein wollüstiges Erlebnis. Die ge­ängstigten Gesichter der Menschen, ihr erregtes Geschrei steigerten seinen Genuß bis zum Höhepunkt. Als unerkannter Urheber der Panik mitten unter der Menge zu sein, gab ihm eine seelische und körperliche Befriedigung. Auch später, nach seinen Mordtaten, fand er sich immer unter den Schaulustigen ein und weidete sich an ihrem Entsetzen.
Wenn das Feuer nicht richtig fing oder nicht genü­gend Zuschauer herbeieilten, legte er in einer Nacht wei­tere Brände, bis er sein Ziel erreicht hatte.
"Da steckte ich zum Beispiel die Heumieten an", be­richtete Kürten später, "aber es gab nicht genug Lärm. Ein Polizist mußte kommen und die Leute aufwecken, und nicht einmal dann standen sie auf! Deshalb legte ich am selben Abend in der Hohenzollern-Siedlung ein zwei­tes Feuer. Das war eine richtige Sache! Die ganze Sied­lung lief zusammen, und da kam ich zu vollständiger se­xueller Befriedigung."
Kürten war zu jener Zeit einundzwanzig und in jeder Beziehung großjährig: ein Gewohnheitsdieb, ein Brand­stifter und Gewalttäter. Schon war die Art und Weise seines Vorgehens in groben Umrissen festgelegt. Als er an Jahren und Erfahrung zunahm, verfeinerte er seine Technik. Aber 1904 gab es bereits keinen Zweifel mehr an seiner Zukunft.

Sein krimineller Werdegang wurde damals allerdings auf sieben Jahre unterbrochen: er war zum Militärdienst beim Infanterieregiment Nr. 98 in Metz eingezogen wor­den, desertierte und verbarg sich bei Frau M. in Düssel­dorf. Silvester 1904 wurde er festgenommen, saß sieben Mo­nate in Untersuchungshaft und wurde am 13. September 1905 vom Kriegsgericht in Metz wegen Fahnenflucht, schweren Diebstahls in vierunddreißig Fällen und ver­suchten Diebstahls in zwölf Fällen zu sieben Jahren Zuchthaus verurteilt.
Sieben lange Jahre - in denen Kürten einen Selbst­mordversuch verübte, einen Nervenzusammenbruch hatte und um die Gunst der Aufseher Hebedienerte, indem er seine Kerkergenossen verpfiff. Sieben lange Jahre, in de­nen er stets darauf bedacht war, auch als Sträfling sauber und adrett auszusehen, ein nicht zu unterschätzendes Zei­chen von Willenskraft. Vom ersten bis zum letzten Tag ging er seinen unheilvollen, blutlüsternen Phantasien nach.
Sieben lange Jahre, die jeden anderen zermürbt hät­ten - aber nicht einen Peter Kürten.
Im Herbst 1912 öffneten sich die Zuchthaustore für Kürten, allerdings nicht für lange. Schon ein Jahr später saß er wieder hinter dicken Mauern. Doch in dieser kur­zen Spanne der Freiheit schlug er ein neues Kapitel seines Lebens auf.
Es .begann mit den üblichen Einbrüchen. Er bevor­zugte Häuser, wo sich im Erdgeschoß ein Laden, wenn möglich eine Schenke befand, um in der darüber liegenden Wohnung des Besitzers ohne Eile nach Beute suchen zu können. Sein Jagdrevier war nicht nur Düsseldorf, es er­streckte sich auch auf benachbarte Städte.
Auf einem dieser Diebesgänge hatte er sich in Düssel­dorf in ein Haus Ecke Münster- und Roßstraße einge­schlichen und in einer Stube zwei schlafende junge Mäd­chen vorgefunden, zwei Schwestern. Die ältere war sech­zehn, er stürzte sich blindlings auf sie, und während er ihr mit der einen Hand den Mund zuhielt, begann er sie mit der anderen zu würgen.
Das Mädchen konnte nicht schreien, aber sie schlug wie eine Besessene um sich und setzte sich zur Wehr. Der Lärm weckte die jüngere Schwester, sie rief um Hilfe, und der Eindringling flüchtete. Sie sah nur einen dunklen Schatten aus dem Zimmer hasten. Kürten war entkom­men.
Die Woche darauf fuhr er nach Köln-Mülheim. Es war Kirmes. Ein Sonntag ging zu Ende. Durch die Dun­kelheit klang die kreischende Karussellmusik, das Knat­tern der Schüsse. Wer hat noch nicht, wer will noch mal, das Glücksrad drehte sich.
Kürten nahm nicht teil an der Lustbarkeit. Auf der Suche nach einem geeigneten Einbruchsplatz ging er lange durch die Straßen und kam von ungefähr zu der Gast­wirtschaft Klein.
Ungesehen schlüpfte er ins Haus, stieg lautlos in den ersten Stock hinauf. Er öffnete verschiedene Türen, fand aber nichts, was sich zu stehlen gelohnt hätte. Dann be­trat er das Zimmer gegenüber der Treppe.
"Ich wollte das Schubfach einer Kommode aufmachen, da sah ich, daß in dem großen Bett neben dem Fenster ein Kind schlief..."
Kürten hatte Tiere gequält, ins dicke Vlies der Schafe gestochen, Frauen bedroht und mißhandelt - doch nur in Gedanken hatte er die letzte Grenze überschreiten, sich das veratmende Opfer vorstellen können.
Jetzt beging er seinen ersten Mord.
"Sie lag mit dem Kopf zum Fenster. Ich würgte sie zu­erst eine Weile. Sie war aufgewacht, sie wehrte sich, sie kratzte mich. Ich stieß meine geschlossenen Finger in die Scheide hinein, und innen spreizte ich die Finger dann auseinander. (Bei der Obduktion ergab sich, daß das Pe-rineum von der Vagina bis zum Rektum aufgerissen war.) Dann schnitt ich ihr die Kehle durch. Ich setzte den Schnitt links am Hals an und zog das Messer nach rechts. Ich hörte, wie das Blut herausgluckste, es lief mir über die Hände und tropfte zu Boden...«
Um elf Uhr nachts verließ er das Haus und ging direkt zum Bahnhof Mülheim. Auf dem Weg dorthin wusch er sich an einem Brunnen, reinigte sein scharf geschliffenes Taschenmesser und saß um 11 Uhr 34 bereits im Zug nach Düsseldorf.
Ein Fremder war aufgetaucht, hatte getötet und war verschwunden. Der Zufall hatte ihn und sein Opfer zu­sammengebracht. Es war der perfekte Mord.
Am nächsten Tag fuhr Kürten wieder nach Mülheim und kehrte in einer Gastwirtschaft ein, die dem Mord­haus gegenüberlag. Hier saß er, ein adretter, harmloser Mann, der sein Bier trank und, bebend vor Gier, den Gästen zuhörte, die seine grausige Untat besprachen.
Später besuchte er auch wiederholt das Grab von Chri­stine Klein, und er mußte nur den Rasen, der sie deckte, mit den Fingern berühren, um von Wollust geschüttelt zu werden.

Das war das Jahr 1913, mit dem rot angestrichenen 25. Mai, das waren die sonnigen Tage zwischen Früh­ling und Sommer, als Kürten das Dienstmädchen Marga­rete Schäfer kennenlernte. Er sprach sie in Düsseldorf in der Brehmstraße an und führte sie an einem Sonntag ga­lant zum Tanz nach Gerresheim.
"Auf dem Heimweg", so heißt es in Kürtens nüchter­nem Bericht, "würgte ich sie ein paarmal. Als sie Angst bekam, sagte ich: 'So ist eben die Liebe! Aber ich werde dich trotzdem nicht umbringen.' Sie fand sich damit ab. Auf einer Bank kam es zum Sexualverkehr."
Die Knappheit der Schilderung läßt darauf schließen, daß Fräulein Schäfer keinen besonderen Eindruck auf ihn machte. Schließlich hatte er erst vor kurzem den ersten orgastischen Blutrausch erlebt. Margarete Schäfer war eine Lappalie. Ich würgte sie, ich sagte ihr, ich hatte Ver­kehr mit ihr - es hatte ihm nichts bedeutet. Aus, erledigt.
Als 1931 bei der Schwurgerichtsverhandlung auch das Schäfer-Spiel zur Sprache kam, beschrieb die arme Mar­garete ihr Abenteuer etwas ausführlicher:
"Wir gingen die ganze Nacht im Wald spazieren. Kür­ten wollte mich nicht heimgehen lassen. Er hatte meine Handtasche an sich genommen, in der mein Hausschlüs­sel war. Er wollte mich küssen, und er schlug mich, nach­her wurde er aber wieder freundlich. Dann warf er mich auf eine Bank und versuchte, mit mir Geschlechtsverkehr zu haben. Er zerriß mein Kleid, und ich weinte, da wurde er wieder netter. Ich sah einfach furchtbar aus und konnte in diesem Zustand nicht mit der Tram heimfah­ren. Wir saßen auf einer Bank, Kürten legte seinen Man­tel um uns beide, und wir schliefen ein. Das Morgen­grauen kam, und ich weckte ihn auf. Da fing er wieder an wie zuvor, riß mir die Ohrringe aus den Ohren, biß mich, würgte mich und riß mir das Haar büschelweise aus. Er sah aus wie der leibhaftige Teufel. Ich flehte ihn an, sich zu beruhigen, er würde sonst in der Hölle enden. In der Nähe gingen Leute vorbei. Kürten ließ mich schwören, daß ich zu keinem Menschen je darüber sprechen würde. Wir gingen bis zur Rolandsburg. Kürten bestellte Früh­stück. Ich ließ ihn sitzen und lief weg. Ich erstattete keine Anzeige. Ich habe Kürten nicht wiedergesehen."
Wenn Kürten sich in jenem Frühsommer zum Aus­gehen bereit machte, steckte er ein kleines handliches Beil ein.
Im Gerresheimer Park schlug er einen Mann, der auf einer Bank saß, von rückwärts auf den Kopf. Dem Mann gelang es zu flüchten, und Kürten, das Beil unterm Jackett verborgen, zündete einige Minuten später einen ihm ent­gegenkommenden Heuwagen an.
An einem Samstagabend im Juni sah er in der Gerresheimer Glashüttenkolonie ein junges Mädchen in ein Haustor eintreten. Er ging ihr nach, im Flur gab er ihr einen scharfen Schlag auf den Kopf, das Mädchen fiel lautlos zu Boden. In derselben Nacht zündete er drei Heuschober an.
"Im Juli schlich ich mich in ein Haus Ecke Münster-und Ulmenstraße. Ich hatte mein Beil bei mir. Ich war schon einmal in diesem Haus gewesen, um zu stehlen. Ein sechzehnjähriges Mädchen lag schlafend im Bett. Ich wollte ihr gerade den Schädel einschlagen, als ein Mann ins Zimmer stürzte. Ich warf das Beil aufs Bett und flüch­tete."
Vor dem Schwurgericht bestätigte der Vater des Mäd­chens diese Aussage. Er war damals vergeblich hinter dem flüchtenden Eindringling hergejagt, und als er in die Wohnung zurückkam, fand er das Beil auf dem Bett sei­ner Tochter.
Rückblickend auf diese explosiven Ausbrüche, meinte Kürten, daß sie das Resultat der vorangegangenen sie­benjährigen Isolierung gewesen seien.
"Andere Sträflinge denken an nackte Weiber und ona­nieren. Das machte mir kein Vergnügen. Ich erreichte meinen Höhepunkt, wenn ich mir etwas Grausiges aus­dachte, zum Beispiel jemandem den Bauch aufzuschlitzen, und wie entsetzt die Bevölkerung sein würde. Während meiner Strafzeit ließ ich mir oft etwas zuschulden kom­men, um in Dunkelhaft gesperrt zu werden, weil ich dort meinen Gedanken besser nachgehen konnte. Mein Lust­gefühl wurde durch die Vorstellung angestachelt, Leute schwer zu verletzen oder zu töten. Dabei kam ich zu voll­ständiger Befriedigung. Wenn ich das nicht gehabt hätte, würde ich mich aufgehängt haben. Nachdem ich mich an solche Phantasiebilder gewöhnt hatte, ist es doch nicht erstaunlich, daß es mich nach der Entlassung unwider­stehlich drängte, diese Dinge in Wirklichkeit zu tun..."
Kürtens sachliche Erklärung stimmt. Aber es gab trotz­dem eine Ausnahme: Auf sein zweites siebenjähriges Zuchthauszölibat (wegen seiner Einbruchsdiebstähle saß er vom Herbst 1913 bis April 1921 in der Strafanstalt Brieg) folgten keine Gewalttaten, sondern eine lange Zeitspanne, in der er sich nichts zuschulden kommen ließ und ein normales Leben führte.
Im Jahre 1921 schien Kürten plötzlich ein anderer Mensch geworden zu sein.
Er hatte eine Frau kennengelernt, fleißig, fromm, die "liebe gute Guste", wie er sie noch in seiner letzten Stunde nannte, eine Frau, die sich für ihn aufopferte, ihm alles verzieh, stets auf sein Wohl bedacht war - und die ihn schließlich der Polizei auslieferte, der Gerichtsbar­keit, dem Henker.

   

Auguste Kürten ...   und ihr Ehemann Peter Kürten

 

Auguste Kürten, um drei Jahre älter als ihr Mann, war kein unbeschriebenes Blatt.
Sie stammte aus Schlesien, war die Tochter eines Schneidermeisters, der ein eigenes Haus besaß. Sie wuchs in gesicherten Verhältnissen auf.
Über ihre Jugend ist nicht viel zu erfahren - als sich die allgemeine Neugierde auf die Gattin des Massenmör­ders stürzt, ist sie schon die verschlossene, schweigsame Frau, die ihre Vergangenheit nicht preisgibt -, nur ein paar Bruchstücke wurden bekannt.
Mit Sechzehn kam Auguste nach Berlin. War Dienst­mädchen und geriet in schlechte Gesellschaft. Die Polizei expedierte sie per Schub in die Heimat zurück. Dort wurde sie Fabrikarbeiterin.
Warum, so fragt man sich, wurde diese Halbwüchsige, die zu Hause bessere Möglichkeiten gehabt hätte, in die Großstadt geschickt, um dort ihr Brot zu verdienen? Wie­so kam sie auf Abwege - aus Unverstand? Aus Veran­lagung? Mit Schimpf und Schande wurde sie heimge­bracht. Sie hatte ehrbare Eltern. Verzieh man ihr, verstieß man sie? Den Beruf einer Fabrikarbeiterin verband man damals mit der Vorstellung von Liederlichkeit. Hatte sie ihn aus Trotz ergriffen, aus Not, aus Zufall? Ließ sie sich die Berliner Erlebnisse als Warnung dienen oder war sie unter den Fabrikmädchen in ihrem wahren Element?

Wie immer man diese ersten Eepisoden ausdeuten mag, eines geht klar aus ihnen hervor: Auguste war früh auf die schiefe Bahn gekommen.
Mit dreiundzwanzig lernte sie einen Gärtner kennen. Sie war mit ihm verlobt, acht Jahre lang, er hatte ihr die Ehe versprochen, und als er sie verließ, als er sein Wort gebrochen, da ging sie hin und schoß ihn tot.
Daß aus dieser Moritatheldin, aus einem leidenschaft­lichen Mädchen das klaglos werkende Arbeitstier, die duldsame, in sich gefestigte Frau werden konnte, läßt sich nur schwer fassen. Auguste Kürten ist in vieler Hinsicht ein Rätsel.
Sie wurde wegen Totschlags mit fünf Jahren Zuchthaus bestraft und 1915 entlassen.
In diesem Jahr fiel Otto Klein an der russischen Front, und Christines Mörder saß als Gewohnheitsdieb im Zuchthaus Brieg. Der Panamakanal wurde eröffnet, Friedrich Löffler entdeckte den Diphtheriebazillus, Italien schlug sich auf die Seite der Alliierten. Auguste ging nach Leipzig, wo sie einen Bruder hatte, und arbeitete als Schneiderin.
Fünf Jahre später übernahm sie einen kleinen Süß­warenladen in Altenburg i. Th. Dort lernte sie Kürtens verheiratete Schwester kennen und im Mai 1921 ihn selbst.
Er war erst ein paar Wochen vorher freigelassen wor­den, ausgemergelt und entkräftet. Er hatte seine Strafe unter erschwerten Umständen verbüßt. Als die Lebens­mittelknappheit begann, regierte im Zuchthaus der nackte Hunger. Kürten, zeit seines Lebens ein starker Esser - sogar vor seiner Hinrichtung schmeckte ihm die Mahl­zeit so gut, daß er sich eine zweite Portion bestellte -, war in eine Hungerlethargie verfallen, in der sogar seine blutrünstigen Phantasien erloschen.
Als er in Altenburg bei seiner Schwester auftauchte, erzählte er, daß er in russischer Kriegsgefangenschaft ge­wesen wäre. Er sah nicht nur erbarmungswürdig aus, er war auch ein hervorragender Lügner. Die Schwester zweifelte keinen Moment an den Geschichten, die er auf­tischte. Auch Auguste hielt sie für wahr. Nicht, daß sie sich für diesen Peter Kürten besonders interessiert hätte, im Gegenteil, er mißfiel ihr anfänglich. Er war ein Lufti­kus, kaum hatte er sich erholt, bändelte er mit jedem Mädchen an, das ihm über den Weg lief. Nein, sie hielt nicht viel von ihm.
Zu ihrem großen Erstaunen begann er plötzlich um sie zu werben. Seine Liebeserklärung war brutal. "Wenn du nicht mir gehören willst", sagte er, "bring' ich dich um."Auguste hatte am eigenen Leib erfahren, wohin Lei­denschaft führen kann, sie hatte gebüßt und bereut, aber vergessen hatte sie nichts. Sie glaubte zu wissen, was in Kürten vorging. Sie gab nach, aus Mitgefühl und auch aus Angst. Erst allmählich kam Liebe dazu, und die Liebe blieb, selbst als ihr später klar wurde, daß er ein unersättlicher Frauen­jäger war.
Auch Kürten - der für niemanden etwas empfand -hing an ihr. Kein Mensch hatte ihn bis dahin wirklich ge­mocht oder zu ihm gehalten, er hatte nur sie - und sie, die alternde, kinderlose Frau, hatte nur ihn.
Auguste war redlich, gutherzig und energisch. Ihre bür­gerliche Einstellung ließ sie nach Ruhe und Sicherheit streben. Unter ihrem Einfluß wurde Kürten - ein paar Jahre lang - ein neuer Mann. Er legte seine vom Vater ererbte Großmannssucht ab: die ihn stets in Händel verwickelt, arbeitsscheu und zum brutalen Draufgänger ge­macht hatte.
Als wäre er es nie anders gewohnt gewesen, ging er nun tagein, tagaus in die Fabrik, war dreieinhalb Jahre lang im selben Betrieb beschäftigt, brachte jeden Freitag die volle Lohntüte heim. Er wurde Vorsitzender im Ar­beiterrat.
Sein Eheleben war normal. Er gab später zu, daß er beim Beischlaf an Grausamkeit denken mußte, um den Akt vollziehen zu können - aber dieser sublimierte Sa­dismus genügte ihm. Alles war anscheinend in Ordnung, er war ehrlich und ungefährlich geworden. Er hatte sei­nen respektablen Platz in einer respektablen Gemein­schaft gefunden und wäre vollkommen zufrieden gewe­sen, wenn ihm nicht die Großstadt gefehlt hätte. Es zog ihn mit aller Gewalt zurück nach Düsseldorf.
Von seiner Schulzeit an hatte sich Kürten in den Düs­seldorfer Straßen herumgetrieben, er kannte jede Ecke, jede Brücke, jede Laterne. Die Rheinwiesen, der Grafenberger Wald waren sein Revier, die Vorstadtbezirke sein Zuhause.
Er kam 1923 nach Düsseldorf zurück, um es erst am Nachmittag des 1. Juli 1931 wieder zu verlassen, als man ihn auf seiner letzten Fahrt nach Köln brachte. Heute ist sein blutbefleckter Name untrennbar mit die­ser Stadt verknüpft. Selbst Kürten hätte, als er damals heimkehrte, diesen makabren Ruhm nicht vorausgeahnt.
Er fand Arbeit, war fleißig, sonntags ging er mit sei­ner Guste aus, geschniegelt vom Scheitel bis zur Sohle, die Schuhe blank, das Haar pomadisiert.
Wenn er in den Spiegel sah, und das tat er oft, er­blickte er einen Mann, der etwas darstellte, der den Frauen gefallen konnte, dem man seine vierzig Jahre nicht anmerkte.
Kürten war über alle Maßen eitel. Sein Geltungstrieb begann sich wieder zu regen, es störte ihn, daß er nicht mehr der jüngste war, und auch der Stand des Hilfsar­beiters war ihm zu niedrig. Aber diese Schönheitsfehler waren korrigierbar, zumindest im Paß. Er radierte sein Geburtsdatum aus, ließ sich um zehn Jahre später zur Welt kommen, setzte als Beruf "Schlosser" ein. Als Hochstapler war er eigentlich recht bescheiden. Auch seine Sexualansprüche hielten sich noch in Grenzen.

    

Kürten war über alle Maßen eitel und stets geschniegelt vom Scheitel bis zur Sohle, die Schuhe blank, das Haar pomadisiert.
Wenn er in den Spiegel sah, und das tat er oft, er­blickte er einen Mann, der etwas darstellte, der den Frauen gefallen konnte, dem man seine vierzig Jahre nicht anmerkte.

Auguste wußte, daß er sie betrog, er gestand es ihr selber ein, ganz ehrlich, und lange bevor eine seiner Flam­men in der Wohnung erschien und Skandal machte. Sie behauptete, daß Kürten ihr Gewalt angetan hätte, und mußte von Auguste mit Geld abgefunden werden, die Hälfte ihrer Ersparnisse ging drauf, über 200 Mark.
Dieses Mädchen war nicht die einzige, mit der er sich eingelassen hatte, es kamen noch andere dazu, Maria Kie­fer, Anni Ist, Maria Wack - er stellte sich ihnen gewöhn­lich unter dem Namen Fritz Ketteier vor, gab sich als Schlosser oder Eisenbahner und immer als ledig aus. Sie gingen ihm ins Netz wie die Fliegen, er sah gut aus, sprach gewandt, eine bessere Versorgung konnte sich keine wünschen, und dazu war er noch überaus korrekt und liebenswürdig. Sein höfliches Benehmen währte aber nur bis zu einem gewissen Moment: beim Koitus würgte er die Freundinnen mehr oder weniger heftig, worauf ihm die meisten den Laufpaß gaben. Andere, wie die bei­den Dienstmädchen Thiede und Mech, nahmen ihm zwar die Brutalität übel, doch das hinderte sie nicht, weiter mit ihm zusammenzukommen.
Mit Thiede und Mech hatte er gleichzeitig ein Verhält­nis, ohne daß die eine von der anderen wußte. Sie schenk­ten ihm nicht nur ihre Gunst, sie gaben ihm auch immer "etwas Gutes zu essen, das kam mir zustatten", erzähl­te er später, "denn ich mußte damals schwer arbeiten". Als Thiede erfuhr, daß er verheiratet war, war es aus mit der Idylle. Sie zeigte ihn wutentbrannt bei der Polizei an.
"Als ich aus dem Gefängnis herauskam, hatten sich Thiede und Mech getroffen und ausgesprochen. Die Mech machte mich auf die ordinärste Weise herunter, aber das genügte ihrer Rachsucht noch nicht, sie ging zu Gericht und behauptete, ich hätte sie bedroht und vergewaltigt."
Im Fall Thiede wurde er der versuchten Notzucht ange­klagt, aber aus subjektiven Gründen freigesprochen. Doch die Korrekturen, die er in seinem Paß vorgenom­men hatte, stellten eine Urkundenfälschung dar, und da­für bekam er fünf Monate Gefängnis.
Der Fall Mech - Bedrohung, Belästigung, versuchte Nötigung - brachte ihm acht Monate im Gefängnis Ul­merhöh ein.
Nach Kürtens Auffassung war er zu Unrecht verurteilt worden. Er haßte die Welt, die ihm, dem ehemaligen Zuchthäusler, nicht geglaubt hatte, sondern den Aussa­gen der "beiden Frauenzimmer, die aus reiner Bosheit einen Meineid abgelegt hatten".
Alle hatten sich gegen ihn, den Unschuldigen, ver­schworen, sogar Auguste, und das ging ins Herz: sie wollte sich scheiden lassen. Ein Brief von ihm genügte, um Guste diesen Gedanken wieder auszutreiben. Aber es waren nicht nur seine flehenden Bitten um Verzeihung und die Drohung, daß er Selbstmord begehen würde, wenn sie ihn verließ, die Augustes Entschluß änderten.
"Ich hatte mich stets bemüht, meine Jugendsünden ab­zubüßen", sagte sie später. "Ich sah es als eine Art Buße an, weiter mit Kürten zusammenzubleiben. Und außer­dem - ich wußte, ohne mich war er verloren ..."
In der Strafanstalt Ulmerhöh freundete sich Kürten mit einem Häftling an, mit dem er in eine Zelle gelegt worden war. Er erzählte ihm viel von seiner guten Frau, aber er erzählte auch von anderen Dingen, ließ sich über seine intimen Erlebnisse aus, mit anschaulichen Einzelhei­ten, wie er sich einmal in den Geschlechtsteil eines Mäd­chens verbissen hatte, bis Blut kam. - "Das war der höch­ste Genuß!" setzte er hinzu.
"Bist du pervers?" fragte der entsetzte Zuhörer.
Kürten sagte ablenkend: "Jeder hat gern mal was Jun­ges. Abwechslung macht Spaß. Es geht nichts über fri­sches, zartes Kalbfleisch, das schmeckt mir am besten..."
In den vergangenen Jahren hatte Kürten jederzeit seine Gelüste befriedigen können, und wenn ihm kein passen­des Mädchen über den Weg lief, dann steckte er eben einen Heuschober oder eine Scheune in Brand, um sich sexuell zu entspannen.
Nun hatte er keine Möglichkeit, seine Begierde zu stil­len. Er gab sich orgiastischen Wunschträumen hin und sah sich als "Jack the Ripper", über den er viel gelesen hatte. Die übersteigerte Erregung zwang ihn, im Gespräch immer wieder das gleiche Thema anzuschlagen: wie man sich die Frauen mit Gewalt gefügig machen konnte. Oder er zog gegen die scheinheilige menschliche Gesellschaft los, die ihn hinter Schloß und Riegel hielt.
"Wenn ich wieder draußen bin", sagte er zu seinem Zellengenossen, "wird Düsseldorf eine Sensation erleben!"
Kürten hielt Wort...
Der Februar 1929 war bitter kalt. Das Thermometer stand siebzehn Grad unter Null. Die Straßen waren abends fast menschenleer.
Am 2. Februar wurde die fünfundfünfzigjährige Apollonia Kühn auf dem Heimweg in einer einsamen, schlecht­beleuchteten Straße überfallen und mit achtzehn Messer­stichen verletzt, die den Hinterkopf, Arm und Brust ge­troffen hatten.
Der Täter war spurlos verschwunden.
Am 10. Februar wurde die Leiche eines achtjährigen Mädchens hinter einem Bretterzaun neben der Vinzenzkirche aufgefunden. Es handelte sich um die Schülerin Rosa Ohlinger. Sie hatte einen ein Zentimeter tiefen Schläfenstich und dreizehn Stichwunden in der Brust, von denen mehrere das Herz durchbohrt hatten. Die Leiche war mit Petroleum übergossen und angezündet worden.
Vom Täter fehlte jede Spur.Am 12. Februar, dem Faschingsdienstag, brachten die Düsseldorfer Morgenzeitungen eine große, schwarz ge­ränderte Anzeige:

                 t
Unser liebes Töchterchen, unsere gute Schwester, Nichte und Cousine
Rosa Ohlinger wurde im Alter von beinahe 9 Jahren ermordet.
Dies zeigen in tiefer Trauer an Familie Josef Ohlinger und Anverwandte.
Die Beerdigung findet statt Donnerstag, den 14. Februar, vormittags 11 Uhr von der Kapelle des Stoffeler Fried­hofs aus, wozu hierdurch freundlichst eingeladen wird.

Möglicherweise las auch der vierundfünfzigjährige In­valide Rudolf Scheer diese Todesanzeige - ohne zu ah­nen, daß er noch in der gleichen Nacht sein Leben lassen würde.
Sein blutiger Leichnam, der am nächsten Morgen in einem Straßengraben des sogenannten Hellwegs gefun­den wurde, hatte zwölf Stiche am Hinterkopf und Nacken, eine elf Millimeter lange Stichwunde an der rechten Schläfe, drei weitere Stiche hinter dem rechten Ohr und vier Stichwunden im Rücken.
Vom Täter fehlte jede Spur.
Die Kriminalpolizei stellte fest, daß es sich bei der Mordwaffe um ein überaus scharfes, vielleicht stilettarti­ges Messer handeln mußte. Alles wies darauf hin, daß die Wunden, die Frau Apollonia Kühn davongetragen, wie auch die Stiche, die den Tod von Rosa Ohlinger und Ru­dolf Scheer herbeigeführt hatten, von demselben Messer verursacht worden waren.
Als Täter kam wahrscheinlich ein gemeingefährlicher Geisteskranker in Betracht. So wurde also nach dem gei­steskranken früheren Händler Emil Schwitzer gefahndet, der im Jahre 1925 verschiedene Überfälle auf Kinder be­gangen und seit damals unentwegt in Heilanstalten ge­wesen war, zuletzt im Irrenhaus Grafenberg, von wo er im November 1928 entflohen war.
Die Polizei suchte Schwitzer, fand Schwitzer - und mußte ihn ungeschoren wieder in Grafenberg einliefern: er hatte ein eisernes, von vielen glaubwürdigen Zeugen beschworenes Alibi.
Angesichts der Erregung, von der die Düsseldorfer Bevölkerung erfaßt worden war, beantragte der Polizei­präsident die Entsendung einer besonders geschulten Mordkommission aus Berlin. Worauf Kriminalkommissar Dr. Wächter mit seinen Assistenten eintraf - und nach einigen Tagen unverrichteterdinge wieder abzog. Aber im April gelang es der Düsseldorfer Mordkommission, den geheimnisvollen Täter festzunehmen: es war der sechzehn­jährige Johann Stausberg. Ein schwachsinniger Junge, der nicht nur zugab, zwei Frauen einen Strick über den Kopf geworfen, die Schlinge zugezogen und seine Opfer hinter sich hergeschleift zu haben, er war auch, als man ihn we­gen der Fälle Kühn, Ohlinger und Scheer verhörte, sofort geständig.
"Lassoschwinger verhaftet! Februar-Untaten aufge­klärt!"
Stausberg hatte wirklich zwei Frauen mit einem Seil überfallen. Er hatte genügend über die Februarverbrechen gehört, um darüber viele Einzelheiten zu wissen. Wenn seine Darstellung ungenügend oder falsch war, half man ihm, wie das bei der Polizei oft üblich war, sie richtig zu stellen. Feuer übte auf ihn eine große Faszination aus, er konnte schon beschreiben, wie er die Leiche der Rosa Ohlinger mit Petroleum übergossen hatte: "Die Flam­men, die Flammen, die reichten mir bis zum Knie!"
Und das Messer? "Verloren", sabberte Stausberg.
Auf Grund des Paragraphen 51 kam der Schwachsin­nige nicht vor Gericht, sondern in die Irrenanstalt. Die Düsseldorfer Polizei ruhte triumphierend auf ihren Lor­beeren aus - sie hatte immerhin nur drei Monate ge­braucht, um den Falschen zu verhaften.
Kürten bekannte später seelenruhig:
"Mit Frau Kühn hat es sich folgendermaßen abgespielt, daß ich schon den ganzen Tag in einer großen Erregung war. Nachdem meine Frau zur Arbeit gegangen war (Auguste Kürten war als Spülerin in einem Lokal in der Graf-Adolf-Straße beschäftigt), steckte ich eine Schere ein und ging aus, um ein Opfer zu suchen. Ich war in einer derartigen Spannung, daß ich mich auch auf ein Tier gestürzt hätte. Ich trieb mich in der Nähe vom Hell­weg herum. Gegen neun Uhr sah ich, wie eine Frau die schlechtbeleuchtete Berthastraße daherkam. Ich trat auf sie zu, ich rief: 'Halt!' Dann rief ich: 'Keinen Laut!'"
Kürten hatte die Schere geöffnet, und mit dem dolch­artigen Scherenschenkel stach er nun mit rasender Schnel­ligkeit auf die Frau ein. Er stach sie in den Kopf und in den schützend vor­gehaltenen Arm. Frau Kühn sank hilfeschreiend zu Bo­den, da versetzte er ihr noch mehrere Stiche in die Brust.
Dann lief er weg.
Frau Kühn hatte das Bewußtsein verloren. Als sie wie­der zu sich kam, schleppte sie sich hundert Meter weiter bis zu ihrer Wohnung. Der Ehemann Julius holte einen Arzt, die Schwerverletzte wurde ins Krankenhaus ge­schafft. Noch Monate später klagte Frau Kühn über Schmerzen im Kopf, und erst dann entdeckte man, daß die Scherenspitze (die aber für die Spitze eines Messers gehalten wurde) abgebrochen und in der Schädeldecke steckengeblieben war.
Kürten allerdings merkte schon am gleichen Abend, als er die Schere sorgfältig von Blutspuren säuberte, daß sie stumpf geworden war und die Spitze fehlte.
Er brachte sie in ein Stahlwarengeschäft, um sie nach­schleifen zu lassen, und kaufte bei dieser Gelegenheit einen Dolch.
Daß die Schere neu geschliffen war, fiel daheim nicht auf, Frau Kürten hatte schon vorher ein paarmal gesagt, man müsse sie zum Schleifen bringen.
Im Haushalt gab es außerdem noch eine ziemlich große, sogenannte Kaiserschere (unter diesem Namen populär, weil auf den beiden Griffen die Bilder des Kaiserpaares eingeprägt waren). Und mit diesem Mordinstrument be­waffnet, zog Kürten am späten Nachmittag des 9. Febru­ar von neuem aus.
Er schlug die Richtung zum Stadtteil Flingern ein und wanderte lange erfolglos herum. Erst gegen neun Uhr, als er schon wieder in nächster Nähe seiner Wohnung war, traf er bei der Vinzenzkirche ein weinendes kleines Mädchen. Sie hatte sich auf dem Heimweg verirrt.
"Ich fragte sie: 'Wo wohnst du denn?' Sie sagte: 'In der Langerstraße.' Ich sagte: 'Komm, ich bring' dich heim!'"
Er nahm sie an der Hand und führte sie, die jetzt ganz getröstet war, quer über den Kirchplatz. Sie erzählte ihm von der Freundin, bei der sie zu Besuch gewesen, von der gelähmten Schwester - ihre Hand vertrauensvoll in der Hand des Fremden, ging sie dem Tode entgegen.
An der Ostseite der Kirche, neben der die neue städti­sche Badeanstalt errichtet wurde, war ein Bretterzaun. Es war dunkel, weit und breit keine Menschenseele.
"Hier packte ich das Kind an der Kehle", erzählte Kür­ten dem Gerichtsarzt Professor Berg, dem er sich ohne Scheu anvertraute. "Ich würgte sie, spürte aber nichts da­bei. Da stach ich sie mit der Schere in die Schläfe und dann wiederholt in die Brust. Ich hatte mich frei gemacht und mein Glied herausgeholt, ich wurde fertig, obwohl ich keine Erektion hatte. Ich weiß nicht, ob Sie das kennen, Herr Professor, das ist das beste, das gibt einem einen Schauer, der bis ins Mark geht!"
Kürten ließ das tote Kind in der dunklen Ecke beim Zaun liegen und ging in seine nur wenige Schritte ent­fernte Wohnung. Seine Frau war um diese Zeit bereits längst an ihrer Arbeitsstelle. "Ich konnte in aller Ruhe nachsehen, ob ich Blutspuren an mir hatte, aber ich war sauber geblieben. Ich wusch die Schere. Dann ging ich ins Kino, meine gute Guste hatte mir eine Freikarte dagelas­sen."
Um die gleiche Zeit schellte der Bäckermeister Josef Ohlinger, anstatt den Brotteig anzukneten, an vielen Tü­ren, um nach seiner kleinen Tochter Rosa zu fragen, die noch immer nicht heimgekommen war.
Als Kürten gegen elf aus dem Kino zurückkehrte, füllte er eine leere Bierflasche mit Petroleum und ging zu der Mordstelle. Er wußte, daß die Leiche nicht verbrennen würde, er wollte sie nur anzünden, um sich eine erneute Befriedigung zu verschaffen. Außerdem hoffte er, daß sich das Entsetzen der Bevölkerung steigern würde. Doch da immer wieder Passanten auftauchten, ließ Kürten die Flasche neben der Leiche stehen, ging wieder heim und legte sich zu Bett.
Der Bäckermeister Ohlinger war noch unterwegs. Er meldete beim Polizeirevier, daß seine Tochter verschwun­den sei.

Nach Mitternacht kam Frau Kürten von ihrer Arbeit zurück. Ihr Mann schlief tief und fest wie immer, er hörte nicht, wie sie ins Zimmer trat, nach Streichhölzern tappte und die Petroleumlampe anzündete. Auch der Lichtschein weckte ihn nicht aus seinem friedlichen Schlummer.
Frau Kürten, mit ihren achtundvierzig Jahren, war eine abgerackerte, durch Arbeit und Kummer ausgelaugte Frau. Ihr Gesicht war welk und von Falten gekerbt. In ihrer Kleidung, an ihrer Haut hing der schale Geruch der Spülküche, in der sie sich ihr bißchen Geld verdiente.
Erschöpft kroch sie aus ihrem abgetragenen Winter­mantel. Sie war todmüde. Ein früh gealtertes Weib. Das zarte, frische Fleisch, nach dem es ihren Mann gelüstete, das ihm am besten schmeckte, wie er seinem Zellen­genossen in Ulmerhöh zugeflüstert hatte, Kürten mußte es außer Haus suchen.
Die Nacht war kalt. An den Fenstern des Mansarden­zimmers, in dem das Ehepaar schlief, wuchsen die Eis­blumen und verkrusteten sich zu einer harten Schicht. Mit langsam hallenden Schlägen rief die Kirchenuhr die Stunden aus.
Um sechs Uhr morgens stand Kürten auf, kleidete sich flüchtig an, Unterhose, Hose, Pantoffeln, als wollte er nur das Klosett aufsuchen, das im unteren Stockwerk war.
Es war noch dunkel, als er auf die Straße trat und in der beißenden Kälte zur Vinzenzkirche lief.
Die arme kleine Leiche lag da, wie er sie verlassen hatte. Er übergoß sie mit Petroleum. Als die Flammen aufloder­ten, war Kürtens Gier befriedigt.
Ein paar Minuten später war er wieder in der Woh­nung zurück, ohne daß Auguste seine Abwesenheit be­merkt hatte.
Gegen neun Uhr morgens kamen zwei Arbeiter zur Baustelle der städtischen Badeanstalt und wurden auf ein schwelendes Kleiderbündel aufmerksam, das beim Bret­terzaun lag. Erst als sie näher traten, sahen sie, daß es ein totes Kind war.

Rosa Ohlinger lag auf dem Rücken. Sie war mit Brand­wunden bedeckt. Ihr Mantel war verkohlt, Beine, Haare und Wangen vom Feuer versengt. Im verzerrten, uralten Kindergesicht war der Mund weit aufgesperrt, klauend, wie zu einem letzten Schrei.

Am Karnevalsdienstag, gegen Mitternacht, torkelte der betrunkene Rudolf Scheer am Hellweg in einen fremden Mann hinein, der ihm wortlos einen Faustschlag ins Ge­sicht versetzte. Scheer fiel zu Boden, aber während er ver­suchte, sich auf Händen und Knien wieder aufzurichten, stach ihn der Angreifer mit voller Wucht in den Rücken. Scheer war zwar betrunken, aber selber ein Raufbold. Noch immer kniend, zog er sein Messer aus der Tasche. Doch bevor er es öffnen konnte, trafen ihn neue Stiche an der Schläfe, am Hinterkopf, im Nacken. Scheer sank, mit dem Gesicht nach unten, auf dem Boden zusammen.
Kürten zu Professor Berg:
"Das Blut spritzte aus der Nackenwunde, ich hörte, wie es heraussprudelte, ich stand über Scheer gebeugt und versuchte, das Blut mit dem Mund aufzufangen, aber es ging nicht, ich war zu erregt. Ich hatte sofort einen Or­gasmus. Nachher packte ich Scheer bei den Beinen und schleifte ihn zum Straßenrand. Ich stieß ihn in den Bö­schungsgraben hinunter. Ich wollte heimgehen, aber nach ein p(aar Schritten fiel mir ein, daß ich vielleicht auf sei­nen Gamaschen blutige Fingerabdrücke hinterlassen hatte. Ich drehte also wieder um und machte die Gamaschen sauber. Das Ganze hat alles in allem nur ein paar Minu­ten gedauert... Am nächsten Morgen kehrte ich zum Tatort zurück, die Polizei war schon eingetroffen, viele Leute standen verstört herum, gafften und fragten, was denn da los sei..."
Es trieb Kürten immer zum Schauplatz seiner Verbre­chen zurück. Die Erinnerung an das, was sich abgespielt hatte, das Entsetzen der Zuschauer erregten seine Lust.
Als er sich dem Polizeikordon näherte, versuchte Kür­ten, einen diensttuenden Polizisten ins Gespräch zu ziehen, um sich wieder aufzustacheln: "Wer ist denn ermor­det worden?" erkundigte er sich.
"Woher wissen Sie überhaupt, daß ein Mord began­gen wurde?" sagte der Polizist und blickte ihn mißtrau­isch an.
"Man hat es mir telefonisch berichtet", erklärte Kürten, ohne zu zögern, und ging weiter, ein interessierter, aber allem Anschein nach harmloser Mann. Er war nie um eine schnelle Antwort verlegen und brachte sie mit der milden, wohlklingenden Stimme vor, die den Frauen so gut gefiel und ihnen Vertrauen ein­flößte.
"Ich weiß nicht, was damals über mich gekommen ist", setzte Kürten seine Bekenntnisse fort. "Mein Trieb wurde damals immer stärker. Ich fragte mich, was das war, dieser Zwang, auszugehen, dieser Dämon in mir, der mich jeden Abend ohne Ausnahme auf die Straße hin­ausdrängte. Es ist nicht mein Verdienst, daß nicht noch viel mehr passiert ist. Wenn ich einmal nicht ausgehen konnte, weil meine Frau daheim geblieben war, schäumte ich innerlich vor Ungeduld, ich mußte ausgehen, auch wenn ich dann nur in den Wald kam, wo ich wie ein Be­sessener herumlief und im Geist die bereits geschehenen Verbrechen heraufbeschwor."
Während Kürten fast jeden Abend seine Wohnung verließ, um sich auf die Suche nach einem Opfer zu be­geben, kam Düsseldorf wieder zur Ruhe.
Erst im August schreckte die Stadt entsetzt auf: Trotz­dem Johann Stausberg in sicherem Gewahrsam war, wur­den innerhalb weniger Tage fünf blutige Verbrechen be­gangen. Der Mörder - und es war zweifellos kein neuer, sondern der frühere Mörder - hatte seine grauenvolle Tätigkeit wiederaufgenommen. Kürten hatte aber keineswegs pausiert, nur waren die Opfer, die er in der Zwischenzeit überfallen hatte, mit dem Leben davongekommen. Er verwendete bei diesen Gelegenheiten keine Schere, sondern verlegte sich aufs Würgen. Es war immer das gleiche Schema, nach dem er nun vorging: Sonntags und wenn möglich bei einer Kir­mesfeier sprach er irgendein Mädchen an, traktierte es mit Obst und Süßigkeiten, führte es in ein Gasthaus, und wenn der Abend sank, wenn die Dunkelheit kam, wurde der Heimweg angetreten, durch den Wald oder über die einsamen Rheinwiesen.
Dort stürzte er sich auf seine Begleiterin und würgte sie. Drei Mädchen, die er auf diese Art attackierte, konn­ten sich nach heftiger Gegenwehr losreißen und entflie­hen. Möglicherweise aber hatte bereits ihr Widerstand - der auf Kürten stets als sexuelles Stimulans wirkte, bei ihm den gewünschten Höhepunkt ausgelöst, so daß er sie ruhig laufenließ.

Wie er nach seiner Verhaftung gestand, kam einer sei­ner sadistischen Pläne, bei dem er einen Mord beabsich­tigt hatte, nur durch Zufall nicht zur Ausführung.
Im Juli hatte er in der Grunerstraße das Dienstmäd­chen Maria Witthaupt angesprochen, die den Hund ihrer Herrschaft spazierenführte. Kürten erzählte - schon wieder einmal -, er sei pensionsberechtigter Schlosser beim städtischen Gaswerk.
"Wir trafen uns verschiedene Male und plauderten immer sehr angenehm. An einem Sonntag holte ich sie zu einem Spaziergang ab, ich schlug vor, zur Golzheimer Heide zu gehen. Die Kaiserschere hatte ich in der Ta­sche. Auf einmal kam meine Frau daher. Die Witthaupt hatte natürlich keine Ahnung, daß ich verheiratet war. Meine Frau trat auf uns beide zu und rief: 'Das ist aber nett! Ich sehe, du hast dir eine zweite Gattin angeschafft.' Ich hatte eine Rose in der Hand, die mir die Witthaupt aus dem Garten ihrer Herrschaft mitgebracht hatte. Da­mit schlug ich meiner Frau scharf ins Gesicht. Dann drehte ich mich wortlos um und ließ die beiden stehen."
Gleich darauf sprach er ein anderes Dienstmädchen namens Maria Wassmann an. Er führte sie zur Kirmes nach Heerdt und dann, in der Dunkelheit, in die Gegend von Niederkassel.
Als er die Wassmann zu würgen begann - die Schere sollte erst anschließend in Aktion treten -, stieß das Mäd­chen gellende Schreie aus. In einem in der Nähe aufge­schlagenen Wochenendzelt, das Kürten in der Dunkelheit nicht bemerkt hatte, wurde es lebendig, die Bewohner liefen zur Hilfe herbei, und Kürten schlug sich eiligst in die Büsche.
Das alles war der Polizei nicht bekannt. Auch die Er­mordung der Maria Hahn am 11. August kam erst im November ans Tageslicht...
Maria Hahn war zwanzig Jahre alt, ein hübsches, breit­hüftiges Mädchen. Ihre Bekannten gaben später an, sie sei gesellig und eine Frohnatur gewesen. Das war eine freundschaftliche Umschreibung für die Tatsache, daß Maria Hahn mit Männern herumzog. Wenn einer genug Geld hatte, um sie auszuführen, oder ihr überhaupt ge­fiel, machte sie keine Umstände und war zu allem bereit.
Sie war in der Kühlwetterstraße bei einer Familie Roloff in Stellung. An einem Abend saß sie am Hansaplatz auf einer Bank, um, ihrer geselligen Natur entsprechend, ein wenig Umschau zu halten. Als ein gutgekleideter Mann vorüberging, sprach sie ihn an, rief ihm aufmun­ternd zu: "Das ist der richtige Abend, um einen schönen Spaziergang zu machen!" Er setzte sich zu ihr, sie unter­hielten sich eine Weile und trafen eine Verabredung für den kommenden Sonntag.
An diesem 11. August war Maria Hahn nicht nur mit ihrem neuen Bekannten, sondern auch noch mit drei an­deren Männern verabredet, und sie überlegte hin und her, mit wem sie ausgehen sollte. Sie entschied sich für den Neuen. Der war, wie sie einer Freundin erzählte, der net­teste und außerdem sicherlich bei Kasse. Das gab den Ausschlag.
Der Herr erschien pünktlich beim Stelldichein in einem guten, tadellos gebügelten braunen Sommeranzug - daß in der hinteren Hosentasche eine Schere steckte, ahnte Maria Hahn nicht.

Das Paar fuhr mit der Straßenbahn zum Hauptbahn­hof und dann mit einem Personenzug bis zur Station Neandertal.
Von dort spazierten sie in Richtung Erkrath, machten in einer Gastwirtschaft eine kleine Erquickungspause - schließlich gingen sie zum Gartenrestaurant Stindermühle und nahmen auf der oberen Terrasse Platz.
Es war ein strahlend schöner Tag, das Lokal war gut besucht. Durch Zufall war auch eine Bekannte der Hahn dort und beobachtete - wahrscheinlich neiderfüllt -, daß der Kavalier Rotwein auffahren ließ und sehr zärtlich zu seiner Dame war. "Er streichelte ihr fortwährend die Hand. Zum Schluß kaufte er ihr noch eine große Tafel Schokolade!"
Gegen sieben Uhr abends brachen die beiden in ange­regter Stimmung auf. Maria Hahn konnte mit diesem Sonntagsausflug zufrieden sein. Ihr Begleiter war kein Knauser. In Erkrath kehrten sie nochmals in einer Wirt­schaft ein, aßen Leberwurst mit Kartoffelsalat und tran­ken einige Flaschen Bier.
Dann schlugen sie den Weg nach Gerresheim ein, bis zum Gutshaus Morp, und von dort gingen sie in Rich­tung Pappendelle weiter.
Die Gegend war einsam. Ein kleiner Bach plätscherte durchs Gelände. Gegen den nächtlichen Himmel zeichne­ten sich die Umrisse eines Wäldchens ab.
"Der Geschlechtsverkehr fand statt", erklärte Kürten bei Gericht, an einem Verhandlungstag, der unter Aus­schluß der Öffentlichkeit stattfand. "Aber ich kam dabei nicht zur Befriedigung. Trotzdem sagte ich mir: Nee, das machst du nicht, so ein junges lebenslustiges Ding bringst du nicht um! Dann aber war doch wieder alle Hemmung in mir aufgehoben, und ich habe die Tat voll­bracht."
Er führte Maria Hahn tiefer in die Wiesen, bis zu einem dichten Gebüsch. Er hatte sich entschlossen, sie zu töten. "Ich würgte sie, bis sie bewußtlos wurde. Doch sie kam schnell wieder zu sich. Ich würgte sie von neuem. Nach einer Weile stieß ich ihr die Schere in die Kehle. Sie verlor viel Blut, aber sie blieb bei Bewußtsein, ich stach sie in den Kopf und in die Brust. Mit schwacher Stimme bat sie mich, ihr Leben zu verschonen. Ich trank das Blut, das aus ihren Wunden quoll, und stach dabei weiter zu."
Bis dahin hatte er immer in fieberhafter Eile töten müs­sen. Zum erstenmal konnte er sich ungestört seiner ent­fesselten Gier hingeben.
"Ich spürte, wie tief der letzte Stich in die Brust ging, wahrscheinlich durchbohrte er das Herz. Ich glaube, ihr Sterben dauerte ungefähr eine Stunde. Als sie tot war, rollte ich die Leiche in einen Graben und warf Zweige darüber, so daß sie verdeckt war. Ich mußte mich über­geben, wahrscheinlich hatte ich zu viel Blut getrunken. Später warf ich ihren Hut in ein Haferfeld. Ihre Hand­tasche und das Schlüsselbund, das darin war, warf ich hin­terher. Auf dem Heimweg sang ich laut vor mich hin..."
Frau Kürten war noch wach, als ihr Mann zurückkam. Er erzählte ihr, er wäre auf der Kirmes gewesen.
Am nächsten Morgen, als sie auf seinem Hemd und dem Jackett Blutspritzer entdeckte, hatte er sofort eine glaubwürdige Ausrede bereit: er hätte Nasenbluten ge­habt. Aber da waren auch die Spermaflecken auf seiner Hose - Auguste schrie, er könne ihr nichts vormachen, natürlich hatte er sich wieder mit fremden Weibern ab­gegeben.
Der Streit wurde so laut, daß Fräulein Käthe Wimmer, die ein Stockwerk tiefer wohnte und gerade auf dem Flur war, um Wasser zu holen, die Ohren spitzte, um nur ja kein Wort zu versäumen. Arme Frau Kürten, die ihr Herz an diesen abstoßenden Kerl gehängt hatte! Fräulein Wimmer war die einzige im Haus Mettmanner Straße 71, die Kürten von Anfang an jede Schlechtigkeit zugetraut hatte - alle anderen hielten ihn für einen stillen, braven Menschen.
An seiner Arbeitsstelle dachte Kürten unaufhörlich an den Blutrausch der letzten Nacht. Er beschloß, auf der Wiese in Pappendelle eine Gedenkstätte zu errichten, zu der er, wenn ihm der Sinn danach war, pilgern und in Erinnerungen schwelgen konnte. Maria Hahn mußte ein Grab bekommen. Das hatte noch einen anderen Vorteil: Wenn man die Leiche zu schnell fand, würde Guste viel­leicht seine blutbefleckte Kleidung damit in Zusammen­hang bringen - und was dann geschah, war nicht abzu­sehen.
Als Kürten abends heimkam, erklärte er, daß er für einen erkrankten Kollegen die Nachtschicht übernehmen müsse, und verschwand wieder.
Er fuhr nach Pappendelle. Er hatte einen Spaten mit­genommen und außerdem starke schwere Eisenhaken eingesteckt, denn er erwog den Gedanken, die Tote zwi­schen zwei Bäumen zu kreuzigen. Aber er kam von die­sem allzu gefährlichen Plan wieder ab.
Am Rand des Wäldchens schaufelte Kürten ein Grab. Als die Grube ein Meter dreißig tief war, ging er zu dem Platz, wo Maria Hahn unter grünen Zweigen versteckt lag, und lud sich die Leiche auf die Schulter. Zu seinem Erstaunen war sie nicht starr, sondern weich und nach­giebig. Kürten wurde, nach seinen eigenen Worten, von einer sentimentalen Zärtlichkeit erfüllt. Er streichelte das Gesicht und das blutverklebte Haar der Toten.
Dann stieg er in die Grube und hob Maria zu sich hin­unter. Ihr Unterleib war fast entblößt, das erregte ihn. Er bettete sie flach hin, zog ihr die Strümpfe aus und band sie sich um den Leib. Er dachte daran, wie er das Mädchen getötet hatte, und verströmte in Ekstase.
"Ich streute die erste Schaufel Erde ganz schütter und voller Vorsicht über sie aus. Dann schaufelte ich die Grube zu und stampfte darauf herum, bis die Erde glatt war. Da mein Hemd beim Begräbnis blutig geworden war, wusch ich es im Morpebach und zog es naß wieder an. Den Spaten versteckte ich im Gebüsch. Meine Schuhe rei­nigte ich zuerst mit Gras von Lehm und Schmutz, dann säuberte ich sie noch mit einem Lappen, den ich bei mir hatte. Als ich mit allem fertig war, dämmerte schon der Morgen auf..."
Gegen halb sieben war Kürten wieder in seiner Woh­nung. Auguste, noch immer gekränkt und zornig, fragte spitz, wieso bei der Nachtarbeit in der Fabrik seine Socken und Schuhe so feucht und schmutzig geworden seien.
Das Gerede seiner Frau glitt an ihm ab. Kürten hatte zwei Nächte entfesselter Raserei hinter sich. Er warf sich aufs Bett und schlief eine Stunde. Dann ging er zur Ar­beit.
In der darauffolgenden Woche trieb es ihn wieder nach Pappendelle. Er holte den Spaten aus dem Versteck und bepflanzte das Grab mit Unkraut, Wiesenblumen und Gras, damit die kahle Fläche nicht mehr von ihrer Umgebung abstach.
Doch als er das nächste Mal kam, waren Blume, Kraut und Halm verwelkt. Dem Mörder blieb nichts anderes übrig, als einen gro­ßen, platten Steinblock heranzuschleifen, um damit die Stelle zu verbergen, an der nichts mehr wachsen wollte.

Die Familie RolofT, bei der Maria in Stellung gewesen war, machte sich keine besonderen Gedanken, als das Mädchen von seinem Ausgang nicht mehr zurückkehrte. Sie war eine Herumtreiberin, deshalb hatte man ihr auch schon zu Beginn des Monats gekündigt. Vielleicht war sie nach Bremen gefahren, wo ihre Eltern lebten. Es war allerdings verwunderlich, daß sie ihre gesamten Habselig­keiten zurückgelassen hatte. Doch die Roloffs hatten schon längst aufgehört, sich über das Tun und Treiben dieser unzuverlässigen Person den Kopf zu zerbrechen.
Trotzdem gingen sie pflichtgetreu zur Polizei und er­statteten die Vermißtenanzeige.
Die Behörden messen, durch Erfahrung gewitzigt, einer Abgängigkeitsmeldung nicht viel Bedeutung bei. Es ge­hört beinahe zur Tagesordnung jeder größeren Stadt, daß Mädchen verschwinden - sie reißen aus, vagabundie­ren, kriechen bei einem Liebhaber unter, gehen ins Ausland und tauchen irgendwann, wenn die Liebe, das Geld oder die Neugierde zu Ende ist, wieder auf.
Ein Polizist stellte den Roloffs die üblichen Fragen und nahm die Angaben auf, Name, Alter, Beruf, Gestalt, wohnhaft, zuletzt gesehen - "Man muß abwarten", meinte er, "sie wird schon wieder zum Vorschein kom­men."
In gewisser Beziehung behielt er recht.
Mit dem Mord an Maria Hahn hatte Kürten seine letz­ten Schranken durchbrochen. Nun war er nicht mehr zu halten.
Die Ruhe, die seit den Februarverbrechen in Düssel­dorf geherrscht hatte, fand ein jähes Ende: es kam der 20., der 24., der 25. August - begleitet von Kirmes­trubel, gefolgt von Blut und Entsetzen.
Die Polizei hatte sich seinerzeit der bequemen Ansicht hingegeben, daß der schwachsinnige Johann Stausberg der Täter war, und ihn ins Irrenhaus gesteckt. Da saß er noch, und die Messerangriffe setzten trotzdem wieder ein:
20. August: Gegen Mitternacht kamen zwei junge Mäd­chen, die achtzehnjährige Anne Goldhausen und ihre Freundin Margarete Patten, von der Kirmes in Lieren-feld zurück. Vor dem Haus Gumbertstraße Nr. 3, wo Margarete Patten wohnte, verabschiedeten sie sich von­einander. Anne Goldhausen ging weiter. Sie hatte noch keine hundert Schritte gemacht, da sprang aus dem Dun­kel ein Mann auf sie zu und versetzte ihr mit aller Wucht einen Stich in die linke Seite. Blutend, unter heftigen Schmerzen, wie ein Kind immer wieder nach ihrer Mut­ter rufend, schleppte sich Anne Goldhausen zum Haus der Freundin zurück, wo man ihr zu Hilfe kam. Sie war lebensgefährlich verletzt, der Stich war durchs Zwerchfell in die Leber und bis in den Magen gedrun­gen.
20. August: Kurz nach diesem ersten Überfall wurde in der Erkrather Straße, die der Gumbertstraße benachbart ist, Frau Olga Mantel von einem Unbekannten an­gesprochen. "Fräulein, darf ich Sie begleiten?" Sie gab dem Zudringlichen keine Antwort; um ihm auszuwei­chen, ging sie zur anderen Straßenseite hinüber. Er folgte ihr. Sie bekam Angst und wollte fortlaufen. Im nächsten Moment erhielt sie einen heftigen Schlag gegen den Rücken - daß es ein Stich gewesen war, begriff sie erst, als der Mann noch zweimal auf sie einstach.
"Dieses Weib schrie wie am Spieß", sagte Kürten spä­ter. "Ich lief weg, so schnell ich nur laufen konnte!"
Die Bewohner des Hauses Erkrather Straße Nr. 430 waren durch die gellenden Hilferufe wach geworden. Einer der Mieter war Sanitäter, er legte Frau Mantel einen Notverband an und brachte sie zum nächsten Arzt. Von dort wurde sie mit der Ambulanz ins Krankenhaus geschafft.
Frau Mantel beschrieb ihren Angreifer als zirka dreißig bis fünfunddreißig Jahre alt. Von untersetzter Gestalt. Mit graubraunem Anzug bekleidet. Sie hatte ihn nach dem Überfall einen schmalen Weg hinunterlaufen sehen, der zu den Schrebergärten und Feldern führte.
20. August: Keine zehn Minuten später wurde der Be­triebskaufmann Heinrich Kornblum überfallen.
"Ich kam von einer Sitzung des Sportvereins und nahm einen abgekürzten Weg, quer übers Feld. Da stand, als wäre er aus dem Boden gewachsen, plötzlich ein Mann in meiner nächsten Nähe. 'Warte nur, du Bürschchen!' schrie er und wollte auf mich eindringen. Ich ergriff die Flucht. Ich dachte, ich hätte den Kerl abgeschüttelt, da sah ich ihn schon wieder auf mich zulaufen. Ich rannte, so schnell ich konnte, und er jagte hinter mir her. Ich ver­suchte, an einem Schrebergartengitter aus Draht hochzuklettern, und war vielleicht einen halben Meter vom Bo­den entfernt, da erreichte er mich. Er versetzte mir einen Schlag, rechts neben der Wirbelsäule - ich hielt es zuerst nämlich für einen Schlag. Ich sprang über den Zaun. Der Verbrecher verschwand. Nur mühsam, denn jetzt hatte der Schmerz eingesetzt, erreichte ich den Kirmesplatz, wo ich im Schützenzelt verbunden wurde. Bevor man mich von dort ins Kran­kenhaus schaffte, hörte ich, daß auch zwei Frauen über­fallen und verletzt worden waren.
Der Mann war zweiundzwanzig, allerhöchstens fünf­undzwanzig Jahre alt. Breitschultrig. Er hatte ein rich­tiges Bulldoggengesicht, mit hervorstehenden Backenknochen. Er trug einen schokoladenbraunen, karierten Anzug."
Kornblum, der nur drei Wochen im Krankenhaus lag, war am leichtesten weggekommen. Frau Mantel war durch einen Lungenstich schwer verletzt, und Anne Gold­hausen schwebte monatelang zwischen Leben und Tod.
Kürten hatte bei diesen Attacken den Dolch verwen­det, den er sich seinerzeit gekauft hatte, als er die Schere nachschleifen ließ.
Der erste Angriff, in großer Hast begangen, hatte Kür­ten keine sexuelle Befriedigung gegeben. (Alle seine Ta­ten hatten das einzige Ziel: zum Orgasmus zu führen.) Erschreckt durch das fürchterliche Geschrei der Frau Mantel, kam er auch das zweite Mal nicht zur Entspan­nung. Deshalb suchte er ein drittes Opfer - als er auf Heinrich Kornblum einstach, wurde seine Gier endlich gestillt.
Um die Überfälle bis zum letzten auszukosten, ging Kürten zum Kirmesplatz zurück, genoß eine Weile die dort herrschende Aufregung, dann lief er zur Erkrather Straße und gesellte sich zu den Neugierigen, die voller Entsetzen die Untaten besprachen. Da stand er, mitten unter diesen verängstigt brabbeln­den Leuten, und kam sich wie ejn König in Inkognito vor. Alle redeten nur von ihm, um ihn kreisten ihre ganzen Ge­danken, er wußte, wenn sie sich schlafen gelegt hatten, würden sie noch in ihren Träumen vor ihm zittern.
Befriedigt und erfüllt, begab sich Kürten heim.
Die Nacht des 24. August: In Flehe war Kirmes, mit Fackelzug, Zapfenstreich und Feuerwerk. Kürten be­wegte sich rastlos durch das Menschengewimmel. Er sprach eine Frau an, bekam aber eine Abfuhr. Hoch über den Köpfen schwangen die Schiffsschaukem, Schüsse knatterten, von allen Seiten kam Musik.
Kürten lungerte eine Weile bei den Karussellen herum, die sich lichterglänzend im Kreis drehten, doch er hatte kein Glück, zwei Mädchen lud er nacheinander zur Ka­russellfahrt ein, doch jede gab ihm einen Korb. Die Nacht war schwül. Kürten mischte sich wieder ins Gedränge, machte sich an eine andere Frau heran, aber auch sie wollte nichts mit ihm zu tun haben. Eine ganze Stunde trieb er sich vergeblich herum.
Das Feuerwerk begann. Knallend platzten die Raketen und schütteten ihren violetten Regen, silberne Bälle, tan­zende rosarote Sterne aus.
Wirbelnde Feuerräder drehten sich, dann zerbarst eine in allen Regenbogenfarben sprühende Fontäne.
Kürten war noch immer auf Jagd, noch immer ohne Beute. Als sich der Fackelzug formierte und in Marsch setzte, verließ Kürten den Rummelplatz und schloß sich der kreischenden Menge an, die hinter den Fackeln her­lief.
Bei jedem Schritt hielt er nach allen Seiten Ausschau, die Erregung in ihm war so scharf wie der Dolch, den er in der Tasche trug.
"Da sah ich zwei Kinder, die in eine kleine Gasse ab­bogen. Ich folgte ihnen. Sie gingen einem schmalen, fin­steren Feldweg zu. Dort sprach ich sie an, ich gab der älteren zwanzig Pfennig und bat sie, mir dafür vier Zi­garetten zu holen. Sie lief bereitwillig fort. Als sie außer Sicht war, faßte ich die Kleinere, die bei mir stehengeblie­ben war, mit einem Würgegriff am Hals und hob sie hoch..."
Das Kind, die fünfjährige Gertrud Hamacher, verlor sofort das Bewußtsein. Er trug sie in ein Bohnenfeld, das am Wegrand lag.
"Ich stand mit gespreizten Beinen über ihr, zog den Dolch hervor und schnitt ihr den Hals durch."
Dann ging er wieder auf dem Feldweg zurück und dem anderen Kind, der dreizehnjährigen Luise Lenzen, ent­gegen.
Die Zigaretten in der Hand, kam sie auf ihn zugelau­fen. Kürten steckte die Zigaretten in die Tasche, dann packte er auch Luise mit dem gleichen Würgegriff. Ob­wohl sie sich zur Wehr setzte und wild um sich schlug, trug er sie, an dem Bohnenstück vorbei, zu einem an­schließenden, halb abgeernteten Lauchfeld.
Luise schien bewußtlos zu sein. Er ließ sie zu Boden gleiten, aber als er versuchte, ihr die Kehle durchzuschnei­den, kam sie durch den Schmerz wieder zu sich. Sie riß sich los und rannte, "Mutter! Mutter!" schreiend, tiefer ins Feld hinein. Kürten setzte ihr nach, sie stolperte, fiel nach vorn, mit dem Gesicht in die Erdschollen, das war ihr Ende. Von den vier Stichen, die sie am Rücken trafen, durchstieß einer die Lunge, ein anderer die Aorta.
Kurz nach zehn stieg Kürten in die Straßenbahn und fuhr heim. Um die gleiche Zeit etwa machte sich Johann Hamacher, der Vater der kleinen Gertrud, auf, um in der Nach­barschaft nach seiner kleinen Tochter und der von seinem Vater adoptierten Luise Lenzen zu fragen, die vor unge­fähr zwei Stunden zur Kirmes gegangen und noch immer nicht heimgekommen waren. Hamacher wohnte keine zweihundert Meter von den Gemüsefeldern entfernt, die zu dem auf der anderen Seite liegenden Hof der Familie Freudenberg gehörten.
Die Freudenbergs konnten keine Auskunft geben, doch von anderen Bekannten erfuhr er, die beiden Kinder hät­ten sich noch um neun Uhr auf der Schiffsschaukel ver­gnügt. Später habe man sie beim Fackelzug gesehen. Und dann? Dann hatte sie niemand mehr erblickt.
Eine Frau erklärte, gegen zehn habe sie gehört, wie jemand schrie, vielleicht ein Kind, der Schrei war hoch und schrill gewesen.
Nun begann eine ziellose Suche, an der sich auch die Nachbarn beteiligten, ein Rufen durch die Nacht, Straße auf und Straße ab - in einem Winkel rührte sich etwas, aber dann war es nur eine Katze gewesen, die dunkle Ge­stalt im Graben war ein gefällter Baumstamm und kein Kind.
Verlaufen, versteckt, am Rummelplatz eingeschlafen? Die Zelte und Buden waren dunkel und verlassen.
Erst als keiner der Männer mehr auf den Beinen ste­hen konnte, es war halb vier Uhr morgens, brachen sie die erfolglose Suche ab, und Johann Hamacher verstän­digte die Polizei.
Die beiden blutüberströmten Kinderleichen wurden um sechs Uhr früh gefunden, von Frau Freudenberg, die mit ihrer Familie zur Messe gehen wollte und so wie immer den Weg durch die Gemüsefelder nahm.
Die Polizei wurde geholt, der ganze Ort lief zusam­men. Die Mordkommission erschien.
Im Bohnenfeld entdeckte man in der Erde die Fußspur eines Mannes. Ein Gipsabdruck wurde gemacht.
Unter der entsetzten Menschenmenge, die sich am Tat­ort eingefunden hatte, war auch Kürten. Sein Kommen­tar: "Es war, als hätte an diesem strahlend schönen Tag der Blitz eingeschlagen!" Er hörte sich in schweigendem Triumph die Flüche an, die gegen den Mörder ausgestoßen wurden, beobachtete die Verzweiflung und Erregung der Leute, die ohnmäch­tigen Maßnahmen der Mordkommission.
Polizeistreifen zu Rad und zu Pferd wurden eingesetzt, um die Umgebung durchzukämmen, Obdachlosenheime wurden visitiert, verschiedene Landstreicher aufgegriffen, die Polizei fing ein, was ihr gerade unter die Hände kam.
Wie sich später herausstellte, waren alle Anstrengun­gen vergeblich gewesen. Es gab nur ein einziges Indiz: den Gipsabdruck der Fußspur.
Gegen Mittag ging Kürten zum Essen heim. Was Pünktlichkeit anbetraf, war er ein Mustergatte. Nur hielt er sich nicht allzulange zu Hause auf. Schon am Vor­mittag hatte er Auguste allein gelassen, und auch seinen ausgedehnten Nachmittagsspaziergang unternahm er ohne sie.
Das Wetter war prachtvoll. Nachdem er seinen Dolch geholt hatte, den er nie in die Wohnung mitnahm, son­dern in einem Neubau, nahe der Stelle, an der er Rosa Ohlinger getötet hatte, zu verstecken pflegte, machte sich Kürten von neuem auf den Weg - diesmal in Richtung Oberkassel.
Er hoffte, dort eine Frau wiederzusehen, die ihm schon früher einmal aufgefallen war. Kürten hielt zwar vergebens Ausschau, doch der Dolch, der in dieser Woche bereits fünf Menschen getroffen hatte, trat trotzdem wieder in Aktion.
Noch in der gleichen Nacht lieferte ein Auto des Über­fallkommandos das sechsundzwanzigjährige Dienstmäd­chen Gertrud Schulte ins Maria-Theresien-Hospital ein. Der Oberarzt, Dr. Frischen, stellte fest, daß sie fast ausgeblutet und in einem schweren Schockzustand war. Ihre Verletzungen waren:

  • ein über der Schädelhöhle beginnender, schräg nach vorn laufender, zehn Zentimeter langer Schnitt;
  • ein zerschnittenes Ohrläppchen;
  • auf der rechten Hals­seite eine klaffende, sechs Zentimeter lange Wunde;
  • drei weitere Stichwunden im Nacken;
  • auf der linken Schulter eine breit klaffende Stichwunde;
  • an der Innen- sowie Rückenseite des Oberarmes je eine Stichwunde;
  • der Ulnanerv des Oberarmes war zer­schnitten;
  • an der Achselhöhlengrenze zwei tief ein­gedrungene Stiche;
  • das linke Bein war gelähmt;
  • zwi­schen dem ersten und zweiten Wirbelknochen steckte eine vierundfünfzig Millimeter lange abgebrochene Messer- oder Dolchspitze.

Die Ärzte glaubten anfänglich nicht, daß die Patientin zu retten sei. Doch Gertrud Schulte blieb, wie durch ein Wunder, am Leben.
Kürten hatte sie am Burgplatz in Oberkassel angespro­chen und sich als Postbeamter Baumgart vorgestellt. Es machte immer einen günstigen Eindruck, pensionsberech­tigt zu sein. Er führte das Mädchen zur Kirmes nach Neuß und kaufte ihr dort Kokosnuß, Alpenbrot und Pfir­siche. Vor einer Schaubude, wo leichtgekleidete Artistin­nen zum Besuch der Vorstellung einluden, sagte er voller Entrüstung: "Sehen Sie mal diese Weiber, wie die sich so dahinstellen können!" Es war eine moralische und ver­trauenerweckende Äußerung.
Am Abend, als sie nach Düsseldorf zurückfuhren, überredete er die Schulte, schon am Heerdter Kranken­haus mit ihm auszusteigen und die letzte Strecke zu Fuß zurückzulegen, damit sie noch ein wenig länger zusam­menbleiben könnten.
Es war halb neun, der Weg währte so lange, daß dem Mädchen die Füße zu schmerzen begannen. Sie zog sich die Schuhe aus. Kürten nahm sie ihr liebenswürdig ab, er trug auch ihren Hut und ihre Handtasche.
Nach einer Stunde erreichten sie den oberen Rhein­damm und sahen vom anderen Ufer die Lichter der Schnellenburg durch die Dunkelheit leuchten. Kürten log der todmüden Gertrud, die sich in der Gegend nicht aus­kannte, vor, daß es die Lichter der Oberkasseler Rhein­brücke wären.
Ein Fußpfad führte vom Damm herab durch dichtes Weidengebüsch zum Ufer. Das Mädchen war ängstlich geworden, der Weg nähme ja kein Ende, klagte sie. "Es dauert nicht mehr lange!" sagte Kürten. Gertrud Schulte, nun wieder beruhigt, setzte sich hin, um die Schuhe anzuziehen. Da warf sich Kürten plötz­lich über sie und zerrte ihr den Schlüpfer herunter. Sie wehrte sich. Ein oder zwei Minuten rangen sie mitein­ander, die Schulte war jung und kräftig.
"Hier kannst du schreien, so viel du willst. Hier hört dich keiner!"
"Dann laß mich lieber sterben!" rief sie voller Ver­zweiflung."Du sollst auch sterben!" antwortete er und versetzte ihr den ersten Dolchstich. Die Schulte stieß gellende Hilferufe aus, doch als er von neuem auf sie einstach, verlor sie für Minuten das Bewußtsein.
Kürten stach weiter, bis er sich befriedigt fühlte. Als das Mädchen, wieder bei Bewußtsein, sich aufzurichten und zu fliehen versuchte, fiel er nochmals über sie her und gab ihr einen derart wuchtigen Stich in den Rücken, daß die Dolchspitze abbrach und steckenblieb. Die Schulte schrie und lief taumelnd dem Ufer zu, wo sie zu­sammenbrach.
Kürten verfolgte sie nicht. Er hörte plötzlich fremde Stimmen, eilige Schritte, die sich durch das dichte Wei­dengehölz Bahn brachen.
Aus einem Zeltlager, dem "Papuaner-Dorf", an das Kürten bei seinem Überfall nicht gedacht hatte, kamen junge Sportler angestürzt.
Kürten schleuderte den unbrauchbar gewordenen Dolch ins Buschwerk. Dann machte er sich auf den Heim­weg. Die Handtasche der Schulte warf er fort, nur die Armbanduhr, die darin gewesen war, behielt er.
Zu Hause, zwischen den Dachbalken, hatte er bereits die Uhr der Maria Hahn versteckt. Nun würde ein zwei­tes Souvenir dazukommen.
Am Lueg-Platz setzte sich Kürten auf eine Bank und wartete gespannt, wann das Überfallkommando vorbei­fahren würde. Er war überzeugt, daß die Leute, die dem Mädchen zu Hilfe gekommen waren, die Polizei alarmiert hatten - und er war ebenso überzeugt, daß die Schulte den Morgen nicht mehr erleben würde.
Aber nicht nur, daß sie genas, sie konnte schon im Lauf der Nacht eine Personenbeschreibung geben:
"Blond, mit rundem frischem Gesicht, hellgrauer, ge­streifter Anzug, ungefähr fünfundzwanzig Jahre."
Endlich hatte die Polizei eine Zeugin, die stundenlang mit dem Verbrecher zusammen gewesen und an deren Aussage nicht zu zweifeln war.
Es stimmte, daß Kürten ein frisches Gesicht hatte, denn er pflegte sich vor seinen Ausflügen zu schminken, um jünger auszusehen. Er trug auch an jenem Sonntag einen grauen Anzug. Was die überaus wichtige Altersangabe betraf, so hatte er bereits vor einem Vierteljahr seinen sechsundvierzigsten Geburtstag gefeiert.
Am nächsten Morgen stürzte sich Kürten sofort auf die Zeitungen. Berichte über sich und seine Taten zu lesen gab ihm ein sexuelles Lustgefühl. Die Montagausgaben hatten dicke Schlagzeilen. Seiten­lang wurden der Kindermord in Flehe und das Verbrechen an Gertrud Schulte geschildert. Auch die drei Überfälle in Lierenfeld wurden nochmals ausführlich besprochen.
Kürten genoß es, daß die Polizei seinethalben in den letzten vierundzwanzig Stunden vollständig außer Atem gekommen war. Der Polizeipräsident von Düsseldorf gab zur Beruhigung der Bevölkerung eine Erklärung ab:
"Alle verfügbaren Beamten wurden bis zur Erschöp­fung eingesetzt. Möge uns Erfolg beschieden sein!"
Daß sich dieser Wunsch nicht erfüllte, lag zum größten Teil an dem mangelhaften Ermittlungsverfahren. Die blutige Augustwoche hatte bewiesen, daß der schwachsinnige Johann Stausberg, der noch immer im Ir­renhaus saß, vielleicht die Lassoüberfälle begangen hatte, ansonsten aber unschuldig sein mußte - die Bluttaten, die nun verübt worden waren, zeigten bis ins kleinste Detail den gleichen Charakter wie die Februarverbrechen. Der Mörder von Rosa Ohlinger und Rudolf Scheer, der Unbekannte, der Frau Kühn mit Messerstichen ver­letzt hatte, war noch immer in Freiheit - und identisch mit dem Verbrecher, der Anne Goldhausen, Olga Man­tel, Heinrich Kornblum angefallen, in Flehe zwei Kinder getötet und Gertrud Schulte fast ums Leben gebracht hatte.

Während die Polizei emsig, aber ergebnislos im dun­kel herumtastete, ereigneten sich weitere Gewalttaten:
Karoline Heerstraas wurde in der Nähe des Bahnhofs von einem freundlichen, seriösen Herrn angesprochen. Zuerst lud er sie auf ein Glas Bier ein, machte nachher einen langen Spaziergang mit ihr durch den Hofgarten und führte sie schließlich, es war inzwischen ein Uhr nachts geworden, ans Ufer der Düssel. Dort packte er das Mädchen an der Kehle und würgte sie. Die Heerstraas wehrte sich, und er gab sie frei. Doch plötzlich stürzte er sich nochmals auf sie und würgte sie von neuem. Dann stieß er sie in die Düssel. Kürten erklärte später ergänzend: "Der Fluß war seicht, ich wußte, daß sie nicht ertrinken würde. Ich hatte keinen Grund, sie umzubringen, denn als ich sie das zweitemal würgte, wurde ich fertig. Ich warf sie in die Düssel, weil ich das Luder los sein wollte."
Sofie Rück radelte am späten Abend durch die Roß­straße, als aus einer Seitengasse ein Mann auf sie zu­sprang und sie so heftig an der Kehle packte, daß sie vom Rad fiel. Er schlug sie mit einem schweren Gegenstand auf den Kopf. Sie schrie um Hilfe und verlor das Be­wußtsein.
Maria Radusch wurde gegen Mitternacht in der Dre­herstraße (in der Nähe des Hellwegs, wo im Februar schon Frau Kühn und Rudolf Scheer überfallen worden waren) von einem Unbekannten zu Boden geworfen, ge­würgt und brutal mißhandelt.
Kürten sagte nachträglich: "Sie rief gellend um Hilfe. Ich türmte. Einige Leute eilten herbei und jagten hinter mir her. Es war das einzige Mal, daß ich je verfolgt wurde."
Die Polizei war ratlos. Offensichtlich gab es nicht nur den Amokläufer, der mit dem Messer zustach, sondern außerdem noch einen Würger - denn "Gewalttäter wei­chen nie von ihrer Methode ab", hieß eine alte, bewährte Polizeiregel.
Hätte man aber, diesem Leitsatz folgend, dem Würger etwas mehr Aufmerksamkeit geschenkt und die Akten einschlägig vorbestrafter Verbrecher durchgesehen, wäre man unweigerlich auf Peter Kürten gestoßen. Schließlich war es noch gar nicht so lange her, daß er eine Gefängnisstrafe verbüßt hatte, weil er von zwei Frauen beschuldigt worden war, sie gewürgt und bedroht zu haben.
Aber niemand kam auf die primitive Idee, in die Per­sonalstrafaktensammlung Einblick zu nehmen. Man war überzeugt, daß zwei verschiedene Männer am Werk wa­ren - und bald kam zu diesen beiden noch ein dritter hinzu, dessen blutige Handschrift völlig neue Züge auf­wies:
Der Mann mit dem Hammer.
Das Kniestockzimmer, in dem das Ehepaar Kürten hau­ste, lag direkt neben dem Speicher. Dort, hinter den Dach­sparren, hatte Kürten die Armbanduhren von Maria Hahn und Gertrud Schulte versteckt. In der Nacht des 29. September kam ein neues Schmuckstück hinzu: ein schmaler goldener Damenring.
Am folgenden Morgen, es war ein Montag, entdeckte ein Strombauarbeiter auf einem kleinen Fußpfad, der vom Rheindamm abzweigt, eine fast hundert Meter lange Blutspur, die - mehrmals von größeren Blutlachen unterbrochen - zu den Uferwiesen führte.
Zwischen zertrampeltem Gras lag eine Frauenleiche. Der Unterleib war entblößt. Ihr Schädel war von drei­zehn Hammerschlägen zertrümmert worden. Der Hals zeigte Würgespuren.
Man verhaftete sofort einen Obdachlosen, von dem bekannt war, daß er auf den Rheinwiesen nächtigte, mußte ihn aber als unverdächtig wieder freilassen.
Kriminalrat Gennat aus Berlin wurde zu Hilfe geholt.
Die Polizei erließ einen Aufruf an die Öffentlichkeit:

WER KENNT DIE TOTE?
Alter etwa vierzig Jahre, Größe ein Meter fünfundfünfzig, schlank, dunkelbraunes Haar, braune Augen, schlechte Zähne.
Bekleidung: dunkelblauer Mantel, blauer Plisseerock, stahl­blaue Seidenbluse. Unterwäsche: rosa Hüfthalter, weißes, reich besticktes Hemd, fliederfarbener Unterrock. Graue Strümpfe. Braune Wildlederhalbschuhe, mit dem Firmenzeichen "S.Hirsch Barmen" und dem Vermerk "3615". Ein gelber Strohhut, mit blauem Band. Gelbe Imitationswaschlederhandschuhe.

Das erste Echo kam von dem Schuster, der die Wild­lederschuhe kürzlich frisch besohlt hatte und wußte, daß die Eigentümerin das Dienstmädchen Ida Reuter war. Dann meldete sich die Familie aus Barmen, bei der sie seit vierzehn Monaten in Stellung gewesen.
Die Herrschaft gab an, daß Ida Reuter einunddreißig Jahre alt und ein tüchtiges, überaus fleißiges Mädchen gewesen sei. Allerdings ein bißchen eitel, für die stahl­blaue Seidenbluse hatte sie neunundvierzig Mark ausge­geben. Übrigens hatte zu dem fliederfarbenen Unterrock ein ebensolcher Schlüpfer gehört, Ida war auf die hübsche Garnitur sehr stolz gewesen. (Der Schlüpfer war in der Beschreibung nicht erwähnt worden, weil ihn niemand zu Gesicht bekommen hatte. Kürten hatte sich die bluti­gen Hände im Rhein gewaschen, am Schlüpfer abgetrock­net und das fliederfarbene Bündel ins Wasser geworfen.) Ida hätte viele Briefe geschrieben. Ihr Freund war bei der Eisenbahn.
Der Freund wurde aufgespürt, verhört und wieder freigelassen. Er hatte ein Alibi.

Kriminalrat Gennat brachte an den Tag, daß Ida Reu­ter ein Doppelleben geführt hatte: während der Woche war sie das brave Dienstmädchen in Barmen, doch sonn­tags fuhr sie nach Düsseldorf und verkehrte in zwielich­tigen Lokalen. Sie hatte zahllose Männerbekanntschaften. Man fahndete - unter anderen - nach einem "Rudi" (dreißig bis zweiunddreißig Jahre alt), einem "Paul" (etwa zweiunddreißig Jahre, mit auffallenden Stirnfal­ten, hat Goldzähne, wohnt bei seiner Schwester, die Schneiderin ist) und nach einem "Willy" (groß, rot­blond, mit schwieligen Händen). Verschiedene Briefe in Idas Kommode wiesen auf einen Holländer hin, der sich öfter in Düsseldorf aufhielt. Auch diese Spur wurde ver­folgt und verlief im Sand. War Ida Reuter aus Eifersucht ermordet worden oder von einem Mann, den sie zufällig kennengelernt hatte? Handelte es sich um einen reinen Lustmord? Hatte sie jemand aus ihrem Bekanntenkreis nach einem Streit ge­tötet?
Es gab viele Fragen, aber keine Antwort - außer der einen:
Am 11. Oktober wurde in Flingern, im Gelände des Torfbruches, die Prostituierte Elisabeth Dörrier mit einem Hammer erschlagen.
Elisabeth Dörrier war Dienstmädchen gewesen, bevor sie ihr anderes Gewerbe ergriff. Aber das Pflaster von Düsseldorf war hart, und es gab viele Mädchen, die auf den Strich gingen. Sie kam immer mehr herunter, zum Schluß besaß sie nicht mehr als das, was sie auf dem Leib trug. Im Sommer hatte sie auf den Rheinwiesen geschla­fen. Als es kälter wurde, durfte sie manchmal bei Bekann­ten in einem Wohnwagen unterkriechen, doch sie war kein gern gesehener Gast gewesen, und vor kurzem hatte man sie hinausgeworfen. Als sie ihren Mörder traf, war sie obdachlos und hatte keinen Pfennig Geld in der Ta­sche.
An jenem Freitagabend, dem 11. Oktober 1929, hatte sich Kürtens Revier beim Hauptbahnhof als unergiebig erwiesen. Er ging zur Graf-Adolf-Straße. Es war neun Uhr abends, die Kinovorstellungen waren gerade aus, vielleicht ließ sich unter den Besuchern, die jetzt auf die Straße strömten, ein passendes Opfer finden.
Kürten schlenderte wachsam auf und ab, als er ein schlankes, junges Mädchen bemerkte, das sich neben dem Kinoausgang postiert hatte. Sie sah herabgekommen aus, in einem schäbigen dunkelgrünen Wintermantel, mit schiefgelaufenen Lackschuhen, und obwohl es schon Ok­tober war, trug sie noch einen Strohhut, eine blaue, tief in die Stirn gezogene Cloche. Die wartet, daß eine Bekannte aus dem Kino kommt, dachte Kürten. Er war im allgemeinen ein guter Men­schenkenner, doch diesmal hatte er sich geirrt. Er kam nicht einen Moment auf die Idee, daß sich Elisabeth Dör­rier nach einem Freier umsah. Hätte er es gewußt, würde sich trotzdem nichts an seinen Plänen geändert haben, die Mordlust in ihm war stärker als sein Abscheu vor Prosti­tuierten.
Dafür, daß sie ein Straßenmädchen war, benahm sich die Dörrier recht geschickt. Sie zögerte, bevor sie Kürtens Einladung annahm, mit ihm ein Glas Bier zu trinken. Dann aber, als sie zusammensaßen, vertraute sie ihm ihre trostlose Lage an: keine Stellung, keine Unterkunft, das Leben war schwer. Sie brauchte ein Obdach, noch heute nacht.
Kürten schlug ihr vor, in seine Wohnung mitzukom­men. Doch das Quartier, das er für sie ausersehen hatte, lag nicht in der Mettmanner Straße und hatte weder Wand noch Bett. Sie fuhren eine lange Strecke mit der Straßenbahn bis an die Peripherie der Stadt, wo sich Fabriken angesiedelt hatten und die Häuser klein und düster waren. Eine arm­selige Gegend, doch das war der Dörrier gleich, wenn sie nur ein paar Mark in die Hand bekam oder zumindest nicht im Freien nächtigen mußte.
Kürten führte sie den Ostpark entlang. Hinter der Sulz­bacher Straße bog er mit ihr in einen Wiesenweg ein. Um den Hammer, den er in der Tasche trug, schnell und un­bemerkt fassen zu können, ging er an ihrer rechten Seite. Schon nach wenigen Schritten versetzte er ihr einen hef­tigen Schlag gegen die Schläfe. Das Mädchen brach lautlos zusammen.
Kürten faßte sie an den Handgelenken und schleifte sie tiefer in die Wiese hinein, bis zu einem großen Distel­busch. Dort warf er sich auf sie und versetzte ihr noch weitere Hammerschläge auf den Kopf. Die Dörrier regte sich nicht. Sie stöhnte nur ein paarmal. Schließlich ver­stummte sie. Kürten erhob sich. Er hielt das Mädchen für tot. Er nahm ihren abgetra­genen dunkelgrünen Mantel, Hut und Handtasche, um sie auf dem Heimweg wegzuwerfen.

Elisabeth Dörrier lag hinter den Disteln im Torfbruch, das Gras war naß vom Blut. Sie atmete noch. Kein Geld, kein Bett - es war ihr bestimmt gewesen, im Freien zu nächtigen. Sie wurde erst am folgenden Morgen gefunden und in tiefem Koma in die städtischen Krankenanstalten einge­liefert. Dort starb sie sechsunddreißig Stunden später, ohne wieder zu Bewußtsein gekommen zu sein.
Wie bei Ida Reuter wurde auch nun die Identität der Toten an Hand ihrer schiefgetretenen schwarzen Lack­schuhe festgestellt. Die Dörrier hatte sie vor drei Wochen einer Zigeunerin abgekauft. Für eine Mark.
Die Polizei rollte allmählich das gesamte Vorleben der Ermordeten auf - kam aber ansonsten genausowenig vom Fleck wie bei den früheren Fällen. Dabei wurden in bezug auf Reuter und Dörrier insgesamt tausendfünfhundert Zeugenaussagen und schriftliche Hinweise regi­striert.
Registriert wurde - wie in allen Ämtern - zur Perfek­tion. Man ging auch, etwas weniger perfekt, auf verschie­dene Anzeigen ein.
Da traf zum Beispiel zwei Tage nach der Ermordung von Elisabeth Dörrier bei der Polizeiverwaltung Düs­seldorf ein Brief ein - er enthielt eine mit Blaustift ge­zeichnete primitive Geländeskizze und die in Blockschrift geschriebenen Sätze:

MORD
BEI PAPPENDELLE, AN DER ANGEKREUZTEN STELLE, WELCHE NICHT BEWACHSEN IST UND MIT EINEM STEIN BEZEICHNET IST, LIEGT DIE LEICHE BEGRABEN, 1,5 METER TIEF.

Da aus der jüngsten Zeit keine Vermißtenmeldung vor­lag, und die Morde an Reuter und Dörrier alle Aufmerk­samkeit in Anspruch nahmen, schenkte man diesem Brief keine übermäßige Beachtung, leitete ihn aber an den für Pappendelle zuständigen Landjägerposten zur "Nachprü­fung" weiter. Die Landjäger suchten, fanden nichts, und damit war diese Angelegenheit erledigt.

Bald danach aber rührte sich jener Häftling, der im Gefängnis Ulmerhöh mit Kürten die Zelle geteilt hatte, und meldete, daß Kürten sich unentwegt seiner Gewalt­taten gegen Frauen gerühmt habe.
Die Polizei zog in der Mettmanner Straße 71 Erkundi­gungen über Kürten ein und erhielt von den Hausbe­wohnern - Fräulein Wimmer war zufälligerweise nicht befragt worden - die besten Auskünfte. Ein bescheidener, freundlicher Mann, dieser Kürten. Und so fürsorglich! Er begleitete sogar seine Frau, die vor dem Düsseldorfer Mörder Angst hatte, abends zu ihrer Arbeitsstätte.
Die Polizei begab sich auch ins Krankenhaus, wo Ger­trud Schulte lag, und zeigte ihr einige Fotos von Kürten, auf denen er nicht nur das Haar anders gescheitelt hatte als sonst, sondern auch einen Schnurrbart trug. Gertrud Schulte, noch immer schwer krank, ge­schwächt, halb gelähmt, hauchte: "Nein, der war es nicht."

Frau Kürten war nicht die einzige, die sich vor dem Massenmörder fürchtete, die gesamte Bevölkerung war an der Grenze der Hysterie.
Genau das hatte sich Kürten vorgenommen: "Die ganze Stadt sollte vor mir zittern!" Es schmeichelte seinem Stolz, daß die ausgeschriebene Belohnung für die Ergrei­fung des unbekannten Täters immer wieder erhöht wurde und bereits die Summe von 7 000 Mark erreicht hatte.
Er gab sich, aus Geltungssucht und nicht des Geldes wegen, den verstiegensten Wachträumen hin: er hatte den Massenmörder festgenommen, und Düsseldorf ju­belte ihm zu. Man veranstaltete zu seinen Ehren einen Fackelzug, tausende Menschen fanden sich vor dem Haus Mettmanner Straße 71 ein (wo unter den Dachsparren der armselige Schmuck seiner Opfer versteckt war), ein Hoch dem Retter, der uns von dem Ungeheuer befreite! Der Bürgermeister hielt eine Rede, tief bewegt sprach ihm der Polizeipräsident seinen Dank aus, er wurde zum Krimi­nalrat ernannt. Ein beglückendes Bild, das Kürten aber keineswegs daran hinderte, weiter zu töten.

Es war nicht immer leicht, ein Opfer aufzutreiben. Kürten, der den ganzen Tag schwer arbeitete, legte auf seinen nächtlichen Streifzügen kilometerweite Entfernun­gen zurück. Solange er unterwegs war, von Mordlust ge­trieben, wurde er sich keiner Müdigkeit bewußt. Seine Gier war unersättlich geworden, je öfter er sei­nen Blutdurst stillte, desto mehr lechzte er nach Blut.
In der langen Liste seiner Verbrechen ist der 25. Ok­tober doppelt markiert - mit der Hammerattacke auf die vierunddreißigjährige Frau Hubertine Meurer (der er am Hellweg seine Begleitung anbot: "Sind Sie denn nicht ängstlich? Hier ist doch schon so viel passiert!") und die Prostituierte Klara Wanders (sie machte sich im Hofgar­ten an ihn heran, als er, noch nicht gesättigt vom Über­fall auf Frau Meurer, in später Nacht durch die Anlagen streifte). Beide Frauen wurden schwer verletzt, kamen aber mit dem Leben davon. Bei dem Angriff im Hofgar­ten schlug Kürten - "Prostituierte stoßen mich ab!" - so heftig zu, daß das Hammereisen am Stiel abbrach und in die Büsche flog. "Der Schädel der Wanders ist härter ge­wesen als mein Hammer", meinte Kürten später. Er mußte sich wieder einmal nach einem anderen Mordinstrument umsehen und kam auf die Kaiserschere zurück, die er schon früher mehrmals verwendet hatte.
Es war der 7. November, als die fünfjährige Gertrud Albermann ihren Todesweg antrat. Sie zeigte sich dreimal auf ihrem letzten Gang durch die Stadt, dreimal führte sie ihre kleine, bescheidene Ge­genwart vor, nickend, winkend, lächelnd - dann ver­schwand sie. Sie wurde von Bekannten und Fremden erblickt; erst nachher, als es zu spät war, begriffen sie das Verhängnis.
Frau Gericke sah das Kind schüchtern neben einem Fremden gehend, sie wurde einen Moment lang mißtrau­isch, da nickte ihr Gertrud zu, und Frau Gericke beruhigte sich mit dem Gedanken, daß die Kleine nur ein paar Schritte von ihrem Heim entfernt war.
Von ihrer Wohnung, Ackerstraße 200, blickte Frau Stürznickel auf die Straße. Es begann schon leicht zu dun­keln. Da kam das Kind mit einem fremden Mann vorbei und winkte zum Fenster hinauf. Frau Stürznickel winkte zurück.
Die letzte Begegnung war in der Hans-Sachs-Straße, als die beiden Monteure Seelhorst und Vossen von der Arbeit heimgingen. "Sieh mal dorthin", sagte Seelhorst und blieb stehen. "Dieser Mann da drüben, mit dem kleinen Mädchen -wenn das bloß nicht der Düsseldorfer Mörder ist." In diesem Augenblick begann Gertrud Albermann zu lächeln, und ihr Begleiter schmunzelte übers ganze Ge­sicht. Vossen sagte: "Du bist verrückt, das ist der Vater", und die beiden setzten ihren Weg fort. Seelhorst schaute im Gehen noch einmal zurück, aber es war niemand mehr zu sehen. Die Straße war leer. Die Wolken hingen tief über den Dächern, und bald darauf begann es zu regnen.
Im großen Fabrikgebäude von Haniel und Lueg hatte man schon längst Feierabend gemacht, alles war dunkel. Die hohe, von Nesseln umwucherte Umfassungsmauer grenzte an offenes Ackergelände.
Dort, während der Regen herunterrieselte, geschah der Mord.
Nachher trug Kürten die Leiche zur Fabrikmauer zu­rück und bettete sie in die Nesseln.
Am folgenden Tag, noch überwältigt vom Blutrausch des letzten Abends, zeichnete Kürten nochmals eine Skiz­ze von der Grabstätte der Maria Hahn, aber mit mehr Einzelheiten als früher. Die Beschreibung war wieder in Blockbuchstaben:

MORD
BEI PAPPENDELLE! AN DER ANGEKREUZTEN STELLE LIEGT DIE LEICHE BEGRABEN.
Als triumphierendes Postskriptum setzte er hinzu:
DIE LEICHE DER VERMISSTEN GERTRUD ALBERMANN AN DER MAUER HANIEL.

Die Polizei hielt den Brief - der an die Redaktion der Zeitung "Die Freiheit" adressiert war und von dort der Kriminalabteilung übergeben wurde - um die Mittags­zeit des 9. Februar in Händen.

Kürtens Hinweis war überflüssig gewesen, man hatte die kleine Gertrud bereits in den Morgenstunden gefun­den. Das Kind war zu Tode gewürgt worden. In der linken Schläfe hatte es zwei tiefe Stichwunden, in der Brust und dem Unterleib insgesamt vierunddreißig Stiche. Davon waren neun Stiche ins Herz gegangen, zwei in die Aorta, fünf in die Leber, vier in den Magen, drei in die Milz, drei in die linke Niere, ein Stich in die rechte Niere, die restlichen Stiche hatten die Lunge getroffen.
Der Scheideneingang war zerrissen und die Scheide voll von Blut. In der Vagina fand sich Sperma. Im Rektum ließen sich keine Spermatozoen feststellen, aber Af­ter und Sphinkter waren beim Koitus per anum zerrissen worden. Abgesehen von den Stichwunden, die in den Körper eingedrungen waren, fanden sich über ein Dutzend Stich­male, die einen Knopf am Mantel des Kindes getroffen hatten.
Die Obduktion wurde im pathologischen Institut von Professor Karl Berg vorgenommen.
Es war der Tag vor dem St.-Martins-Festzug, an dem die Kinder von Düsseldorf mit ihren Laternen und Lam­pions singend durch die Stadt ziehen: "Laßt uns froh und munter sein..."
Das weiße, fast quadratische Stück Papier, auf dem die Geländeskizze von Pappendelle gezeichnet war, wurde mit Joddämpfen behandelt, um gegebenenenfalls Finger­abdrücke herauszubekommen, aber die Untersuchung ergab kein brauchbares Resultat, da der Brief bereits in der Zeitungsredaktion durch verschiedene Hände gegangen war.
Die Polizei beorderte sechs Mann, um in Pappendelle eine systematische Suche durchzuführen. Die Nachgra­bungen waren vergeblich, aber der Verwalter des benach­barten Gutes Morp brachte einen Damenstrohhut und eine Handtasche an, die er Ende August mitten in einem Haferfeld gefunden hatte.
Nun kamen die Ermittlungen in Schwung. Die Foto­grafien von Hut, Tasche und einem Schlüsselbund, der darin gewesen, wurden veröffentlicht, und schon nach wenigen Stunden erschien bei der Kriminalpolizei der Schriftsteller Roloff, der erklärte, daß es die Schlüssel sei­nes Hauses seien. Sie waren im Besitz seines Dienstmäd­chens Maria Hahn gewesen, die er bereits am 11. August 1929 als abgängig gemeldete hatte.

Schon auf der ersten Geländeskizze, die der Polizei seit Mitte Oktober bekannt war und damals zur "Überprü­fung" an den Landjägerposten Pappendelle weitergelei­tet worden war, hätte den Beamten der Satz "... an der Stelle, die mit einem Stein bezeichnet ist" in die Augen springen müssen. Auch bei den zweiten, angeblich "sy­stematisch" durchgeführten Nachforschungen war der platte, auffallende Stein übersehen worden. Nun, als man zum drittenmal zu suchen begann, fand man ihn.
Aus der ganzen Umgebung waren die Neugierigen zu­sammengeströmt, gafften und warteten.Das Tal war von Herbstsonne überstrahlt. Die verfärb­ten Buchen, mit dunklen Nadelbäumen vermischt, hoben sich gegen den klarblauen Himmel ab, als die Arbeiter eine Scholle Erde nach der anderen aushoben. Gegen zwei Uhr mittags war die Grube schon über einen Meter tief. Der Arbeiter Hermann Reske spürte einen durchdringenden Verwesungsgeruch aufsteigen, und nach ein paar weiteren Spatenstichen stießen er und sein Kollege auf etwas Weiches. Um halb fünf hatte man die Leiche freigelegt.

Sie lag mit geschlossenen Beinen. Die Erde unter ihrem Kopf war mit Blut getränkt und verfärbt. Der Körper war verhältnismäßig gut konserviert, nur das Gesicht war in Verwesung übergegangen. Das erdbeerrote Seidenkleid war zum Teil verfault, doch man sah, daß es zerrissen worden war, auch das Hemd war zerrissen. Die Tote trug einen spitzenbesetzten Büstenhalter. Die Schuhe standen, ordentlich ausgerichtet, neben ihren Füßen. Die Strümpfe fehlten. Maria Hahn, abgängig seit August, doch von keinem vermißt, war nun, am 15. November, wieder zum Vor­schein gekommen.
Die Polizei stand wieder einmal vor einem unlösbaren Verbrechen. Wer war der Mörder dieser unseligen Maria Hahn, der bestialisch getöteten kleinen Albermann und - wenn man schon beim tragischen Rätselraten war - von Elisabeth Dörrier, Ida Reuter, Luise Lenzen, Gertrud Hamacher, Rudolf Scheer und Rosa Ohlinger?

Auch Auguste Kürten ahnte nichts. Sie las, genau wie alle anderen, voller Entsetzen die Zeitungsberichte, stu­dierte die Aufrufe an die Öffentlichkeit:
"Achte auf deine Umwelt! Der Mörder lebt mitten un­ter uns! Bringe deine Angaben zur Polizei!"
Frau Kürten brachte keine Angaben, ihr war niemand bekannt, dem sie diese grausigen Bluttaten zugetraut hätte. Sie ging brav ihrer Arbeit nach, hielt das Man­sardenzimmer sauber, stellte ihrem Mann das Essen auf den Tisch. Er war in diesem Winter bei der Stadt als Notstandsarbeiter beschäftigt, mußte schwer schaffen und brachte wenig Lohn heim.
Im Hofgarten fand man im Dezember einen toten Schwan, der Hals war ihm abgeschnitten worden, die Wunde war wie ausgewaschen. Niemand, auf keinen Fall Frau Kürten, wäre auf die Idee gekommen, daß ein Besessener den Schwan getötet und sein Blut getrunken hatte.

Das Jahr 1929 ging zu Ende. Kürten hatte noch fünf Monate der Freiheit vor sich.
Kürtens Entwicklung und Charakterbild zeigen die üb­lichen Züge des kriminellen Sadisten. Da war die düstere Kindheit, auf die er, ohne die psychologischen Gründe zu verstehen, vor Gericht immer wieder hinwies. Er hatte mehr Prügel als Brot bekommen, war Zeuge gewesen, wie der Vater sich über die Mutter hermachte, ihr, wie es dem Kind damals vorkam, "Gewalt antat". Die grausame Kopulation übte auf ihn die gleiche Fas­zination aus wie die blutigen Praktiken des Hundefän­gers, dem er als Neunjähriger begegnete. Die erste Erek­tion stellte sich ein, als er - um sich vom Biß eines Eich­hörnchens zu befreien - dem Tier den Hals zudrückte.
Zu diesen frühen, unauslöschlichen Erlebnissen gesellte sich bald eine feindselige Identifizierung mit dem bruta­len Vater, und später trug die Überkompensierung einer offensichtlichen Organminderwertigkeit das Ihre bei. Ohne Kontakt mit der Umwelt, im Protest gegen die Autorität, die er nur als strafende Institution kannte, lebte er in völliger Ichbezogenheit. Jedes Mitgefühl war ihm fremd. Seine überdurchschnittliche Intelligenz be­fähigte ihn, seine Mangel zu verbergen und sich als harm­loser Durchschnittsmensch zu geben. Er war auf seine Art ein vollendeter Schauspieler.
Obwohl er sich in der Grundanlage nicht vom üblichen Typ der Sexualverbrecher unterscheidet, kann er nicht in ihre Reihen eingegliedert werden; selbst unter den Ano­malen war er eine Abnormität,
Während Triebentartete mit pathologischer Zwangs­läufigkeit stets einem einzigen Modus operandi zu folgen pflegen, fand Kürten, im Gegensatz zu allen wissenschaft­lichen Regeln, seine sexuelle Befriedigung auf mannig­faltigste Weise: Er legte Feuer. Er mißbrauchte Tiere. Er war zeitweilig Fetischist. Die gedankliche Vorstellung von eigenen oder fremden Gewalttaten, der Anblick eines Verkehrsunfalls oder der Auflauf verängstigter Menschen konnten ihn zum Klimax bringen. Er attackierte so­wohl Frauen als auch Männer. Seine Angriffe führte er entweder manuell oder mit verschiedenen Instrumenten durch.
Seine Methoden variierten von leichter Mißhandlung bis zum Lustmord. Der Geschlechtsverkehr spielte dabei nur eine untergeordnete Rolle, meistens verzichtete er darauf. Ob er den Coitus vollzog oder nicht, in jedem Fall benötigte er sadistische Stimulation, um zum Orgas­mus zu kommen. Zu diesem Zweck würgte er seine Op­fer, schlug immer wieder auf sie ein oder versetzte ihnen einen Stich nach dem anderen.
Aus der Anzahl der Hammerschläge oder Dolchstiche läßt sich jeweils abschätzen, wie lange Kürten bis zur Ejakulation gebraucht hat.
Der stärkste Anreiz, der nie versagte und ihm stets zum sexuellen Höhepunkt verhalf, war Blut. Der Tod des Opfers war nicht so sehr die Krönung als die Begleit­erscheinung der Prozeduren, die Kürten vornahm, um zum Orgasmus zu gelangen.
War der Moment der Befriedigung eingetreten, ließ er von seinem Opfer ab. Wenn nicht schon der Beginn der Attacke letal war, und vorausgesetzt, daß seine sexuelle Entspannung rasch eintrat, kamen Kürtens Opfer mit dem Leben davon.
In Düsseldorf gab es Ende 1929 ungefähr ein Dutzend Frauen, die ihm auf diese Weise entronnen waren. Der Gedanke, daß sie ihn wiedersehen, erkennen und der Po­lizei übergeben könnten, beunruhigte Kürten nicht im geringsten. Er hielt sich für gefeit. Niemand hatte ihn bis jetzt entdeckt, niemand verdächtigt. Kürten ging die letzte Strecke seines Weges in blin­der Selbstsicherheit.
Daß die Liste seiner Mordtaten mit dem Namen Ger­trud Albermann abschließt, lag keineswegs daran, daß er sich bezähmte. Seine Aggression hatte sich nicht verrin­gert. Doch er befand sich in einer Phase, in der er das Lustziel auch mit verhältnismäßig ungefährlichen Stimulantien erreichte. Nur diesem Umstand verdankten die Frauen, die er im Frühjahr 1930 attackierte, ihr Leben.
Es handelte sich - von allzu flüchtigen Bekanntschaften abgesehen - um die vierundzwanzigjährige Hildegard Eid, die Büglerin Marianne del Santo, die dreiundzwanzigjährige Irmgard Becker, das dreißigjährige Dienstmäd­chen Gertrud Hau, die von der Polizei gesuchte Gewohn­heitsdiebin Charlotte Ulrich sowie die strohblonde und strohdumme Maria Butlies (manchmal auch Marie Butlids genannt).
Der Schlußakt des Dramas begann mit Hildegard Eid. Kürten hatte das junge Dienstmädchen auf der Straße kennengelernt und war mit ihr in den Grafenberger Wald gewandert. Dort überwältigte er sie und würgte sie heftig. Nachdem seine Begierde gestillt war, wurde er wieder freundlich und vereinbarte ein neues Rendez­vous.
Als er am folgenden Sonntag, dem 2. März, vor ihrem Haus erschien, um sie abzuholen, lehnte sie bereits am Fenster und spähte nach ihm aus. Sie besuchten gemein­sam einige Lokale, dann führte Kürten sie in die Mettmanner Straße 71.
Es heißt, daß die Zerstörungssucht des Verbrechers auch gegen seine eigene Person gerichtet ist, daß er unbe­wußt danach strebt, sich selbst zu vernichten. Für Kür­ten war es lebensgefährlich, seine Anonymität aufzuge­ben. Aber seine Intelligenz schien plötzlich zu versagen.
Er brachte das Mädchen in seine Wohnung. Dort ent­kleideten sich die beiden und gingen zu Bett.
Kaum lagen sie unter der Decke, da öffnete sich die Tür. Es war Frau Kürten, die viel früher als erwartet von ihrer Arbeit zurückkehrte.
Auguste war eine eifersüchtige Frau. Kürtens Untreue war immer wieder der Anlaß zu heftigen Auftritten ge­wesen, bei denen sie ihn laut beschimpft und bitterlich geweint hatte. Doch diesmal, als sie mit eigenen Augen sah, was sich in ihrem Ehebett abspielte, kam es zu keiner Ausein­andersetzung.
Sowohl Kürten als auch Hildegard Eid erklärten spä­ter, Auguste sei vollständig ruhig geblieben. Ohne die Stimme zu erheben, sagte sie dem Mädchen, es solle auf­stehen und sich ankleiden. Sie wartete stumm, bis der un­gebetene Gast wieder angezogen war, Unterwäsche, Schuhe, Sonntagskleid, dann sagte Guste: "Wo wohnen Sie? Ich werde Sie heimbringen."
Auch als Auguste zurückkam, verlor sie kein Wort über diesen Vorfall. Sie schwieg. Ihre Augen waren trä­nenlos.
Kürten hatte sie schon öfter betrogen, aber noch nie in ihrem eigenen Bett. Und es kam noch etwas dazu: Er, der früher seine ehelichen Rechte nur selten in Anspruch ge­nommen hatte, schlief seit einiger Zeit regelmäßig mit ihr, war leidenschaftlich geworden, verlangte, daß sie "ganz nackt dalag". Auguste, trotz aller Scham, hatte ihm nichts verweigert.
In den letzten Monaten hatte sich Auguste für begehrt halten können. Die jähe Ernüchterung muß sie zutiefst getroffen ha­ben.
Es bedarf keiner komplizierten psychologischen Hy­pothesen, um ihr unnatürliches, starres Schweigen zu deuten, um anzunehmen, daß für Auguste jener Sonntag der Wendepunkt ihrer Ehe war. Alles, was vor dieser Zeit geschieht, zeigt sie als auf­brausende, aber opferbereite Gattin, erst nachdem der 2. März vorbei war, tritt die neue, befremdende Auguste in Erscheinung, die nicht mehr um Kürten, sondern nur um sich selbst besorgt ist - die Frau, die aufgehört hat zu lieben.
Unter diesem Aspekt betrachtet, ist Augustens späte­res Verhalten keineswegs ein Rätsel, sondern folgerich­tig und verständlich. Mit unbeschwertem Schritt setzte Kürten seinen Gang ins Verderben fort. Nach Hildegard Eid kam die Bügle­rin Marianne del Santo an die Reihe. Er sprach sie am Hauptbahnhof an und lud sie ein, in seiner Villa zu über­nachten.
Der Weg zur angeblichen Villa führte durch den Grafenberger Wald. Dort stürzte sich Kürten auf das Mäd­chen und begann sie zu würgen. Sie stieß ihn fort, doch er packte sie von neuem.
"Er war schnell wie der Blitz, riß mich zu Boden und stellte sich mit gespreizten Beinen über mich. Ich trat mit beiden Füßen nach ihm, und es gelang mir freizukom­men. Ich rannte, bis mir der Atem ausging, und versteckte mich schließlich zitternd vor Angst im Gebüsch. Dort blieb ich die ganze Nacht hocken, erst als der Tag an­brach, wagte ich mich hervor."
Auch Irma Becker, dreiundzwanzig Jahre alt, lernte Kürten am Hauptbahnhof kennen. Er hatte die Schere in der Tasche. Er ging mit Irma ein Glas Bier trinken, dann führte er sie in den Grafenberger Wald. Bei einer abge­legenen Bank angelangt, warf er sich auf das Mädchen und riß ihr den Schlüpfer vom Leib. Als sie sich wehrte, packte er sie an der Kehle. Irma konnte nicht mehr schreien, aber sie schlug mit ihrem Schirm auf Kürten ein. Der heftige Widerstand und die Hiebe erregten ihn so sehr, daß er den Höhepunkt erreichte, ohne zur Schere zu greifen und Blut zu vergießen. Befriedigt ließ er von dem jungen Mädchen ab, sie aber begann ihn empört zu beschimpfen. Worauf Kür­ten kurzen Prozeß machte: Er nahm sie bei den Schultern und stieß sie in die Wolfsschlucht. Obwohl sie sich bei dem Sturz mehrmals überschlug, kam Irma Becker mit leichten Verletzungen davon.
Die nächste war Gertrud Hau. Kürten machte sich in der Königsallee an sie heran. Es war am 13. April, der noch dazu auf einen Freitag fiel. Trotz dieses bösen Omens ging das Abenteuer für beide Teile verhältnis­mäßig gut aus. Gertrud Hau lief allerdings nachher zur Polizei und machte folgende Angabe:

"Der Mann stellte sich mir als Franz Becker vor. Er war Baugehilfe. Ich fand ihn sehr nett. Er lud mich in ein Kaffeehaus ein. Dann gingen wir in den Hofgarten. Es muß zwischen zehn und elf Uhr abends gewesen sein, jedenfalls kamen noch oft Leute vorbei. Becker wurde plötzlich zudringlich. Er griff mir unter den Rock. Ich gab ihm eine Ohrfeige, worauf er mich mit der geballten Faust ins Gesicht schlug. 'Ist das der Dank dafür, daß ich dich ins Kaffeehaus eingeladen habe?' sagte er. Meine Lippe war geplatzt, mir lief das Blut aus Mund und Nase. Ich gab Becker ein Dreimarkstück. Er wechselte und gab mir zwei Mark und fünfzehn Pfennig zurück. Dann um­schlang er mich und leckte mir das Blut vom Gesicht. Er wollte mich festhalten, doch ich riß mich los. Als ich fort­lief, rief er mir nach: 'Du kannst von Glück sagen, daß wir nicht allein im Hofgarten sind!'"
Am 1.Mai, gegen Mitternacht, goß es in Strömen. Charlotte Ulrich, eine von der Polizei gesuchte Gewohn­heitsdiebin, war unterwegs zum Bahnhof, um den letzten Zug nach Duisburg zu erreichen, als Kürten sie zu einem Glas Bier einlud. Sie versäumte ihren Zug, war aber nicht gewillt, Kürten in seine Wohnung zu begleiten. Worauf er ihr vorschlug, ein nettes Nachtcafe aufzusuchen. Charlotte Ulrich kannte sich in Düsseldorf nicht aus. Als der Weg immer einsamer wurde, bekam sie Angst. "Glaubst du vielleicht, daß ich der Düsseldorfer Mörder bin?" fragte ihr Begleiter.
Kürten hatte sie in den Grafenberger Wald geführt. Dort warf er sie auf eine Bank. Während sich Charlotte Ulrich wehrte, merkte sie, daß er seinen Mantel auf­knöpfte und in die Tasche griff. Im nächsten Moment bekam sie einen heftigen Schlag auf den Kopf und spürte, wie ihr das Blut übers Gesicht strömte. Sie preßte die Hände schützend über den Kopf, fühlte noch einen zwei­ten Schlag, der sie an der rechten Schläfe traf, und verlor das Bewußtsein.
Als sie wieder zu sich kam, war sie allein. Sie hatte dicke, verschwollene Hände. Ihr Kopf war mit Blut bedeckt. Sie zerriß ihren Unterrock und machte sich einen notdürftigen Verband. Dann raffte sie sich zusammen und torkelte einem Lichtschimmer entgegen, der von fern durch die Bäume schimmerte. Sie kam bei einer Trambahn­station heraus. Dort bat sie einen fremden Mann um Hilfe. Er riet ihr, zur Polizei zu gehen, doch das kam für Charlotte Ulrich nicht in Frage. Schließlich brachte sie der Mann zu ihm bekannten Leuten, die sie vierzehn Tage lang pflegten. Es wurde kein Arzt zugezogen, doch die beiden Kopfwunden heilten.
Daß sie von den Hammerschlägen mehrfache Brüche der Schädeldecke davongetragen hatte, stellte sich erst später heraus, als Charlotte Ulrich - die Polizei, die nach ihr gefahndet hatte, bekam sie schließlich doch zu fas­sen - im Gefängnis saß.
Am 14. Mai 1930, genau an dem Tag, an dem sich Char­lotte Ulrich von ihren Samaritern verabschiedete, stand ein strohblondes, schlitzäugiges Mädchen vor dem Düs­seldorfer Hauptbahnhof und lächelte einem fremden Mann zu.
Das Drama näherte sich dem Ende. Doch der letzte große Aufzug, ehe Auguste Kürten die Szene betrat und der Vorhang fiel, glich einem unheim­lichen Tölpelspiel. Alle Akteure - Kürten, die Stroh­blonde, ein Briefträger, die Polizei - benahmen sich wie Marionetten, die, von unsichtbarer Hand an Schnüren gelenkt, sinnlose Schritte ausführen, verdutzt die Holz­köpfe schütteln und stets das Falsche tun.
Der Düsseldorfer Hauptbahnhof war ein beliebter Sammelplatz für jegliche Art von Gelichter. Hier lunger­ten die Kriminellen, die Arbeitsscheuen, die gewerbsmäßi­gen und die gelegentlichen Huren herum. Hier hatte sich das stellungslose Dienstmädchen Maria Butlies mit einer gewissen Frau Brückner verabredet, die sie am Morgen auf dem Bahnhof zufällig kennengelernt und die ver­sprochen hatte, ihr ein Nachtquartier zu verschaffen. Frau Brückner, die um acht Uhr abends hätte kommen sollen, ließ sich nicht blicken. Maria Butlies hatte ihre Adresse, doch während sie noch überlegte, ob sie Frau Brückner aufsuchen sollte, bemerkte sie den fremden Mann, der sie anlächelte, und sie lächelte zurück.
Sie kam schnell mit dem Fremden ins Gespräch, und er sagte: "Ich bringe Sie zu meiner Schwester, dort können Sie übernachten."
Sie machten sich auf den Weg, schlenderten plaudernd durch die Stadt, bis sie zum Volksgarten kamen. Dort versuchte ihr Begleiter, sie zu küssen. In diesem Moment trat ein seriös aussehender Herr auf die beiden zu und sagte in scharfem Ton: "Ich bin Geheimbeamter. Sie belästigen die Dame! Ich habe Sie schon vom Bahnhof an beschattet. Was haben Sie mit dem Mädchen vor? Können Sie sich ausweisen?"
Der Kavalier an Butlies' Seite murmelte eingeschüch­tert irgend etwas von harmlosem Spaziergang und zog eilig ab.
Der Geheimbeamte, nun wesentlich freundlicher, wandte sich dem perplexen Mädchen zu: "Lassen Sie sich das zur Warnung sein! Wissen Sie denn nicht, daß in die­ser Stadt ein Massenmörder nach Opfern sucht? Sie soll­ten vorsichtiger sein, mein junges Fräulein!"
Ein Wort gab das andere - die Butlies hätte sich am liebsten selbst gratuliert, jetzt war sie an den Richti­gen geraten. Der Beamte, dem sie ihre Notlage schilderte, erklärte sich sofort bereit, sie bei sich aufzunehmen.
Nun ging es also wieder quer durch die Stadt, zum Bahnhof zurück und am Bahnhof vorbei. Maria hatte keine Ahnung, in welchem Viertel sie war, aber die letzte Straße, in der sie einbogen, hieß Mettmanner Straße. Dort, in einem ansehnlichen dreistöckigen Haus, das breit vorspringende Erkerfenster hatte, wohnte ihr Beschützer, allerdings direkt unterm Dach, gleich neben dem Spei­cher - recht armselig für einen Geheimbeamten.
Maria Butlies war zwar dumm, aber gewitzt, und was Männer anbetraf, mit allen Wassern gewaschen. Sie aß die Wurststullen, die ihr der Gastgeber vorsetzte, hörte sich sein galantes Geschwätz an - und wartete, wann er beginnen würde, das bißchen kalte Abendbrot bei ihr einzukassieren.
Die Dinge entwickelten sich genau, wie Maria vermutet hatte: kaum hatte sie den letzten Bissen geschluckt, rückte der scheinheilige Beschützer näher. Sie ließ ein paar Küsse, ein paar Liebkosungen über sich ergehen, aber als er dringlicher wurde, fragte sie kurz und bündig, ob er nicht ein anderes Nachtquartier für sie wüßte. Zu ihrem Erstaunen machte er keinen Versuch, sie zu halten, sondern bot ihr an, sie in ein Hospiz zu bringen -ins Bethanienheim im Grafenberger Wald.
Es war spät geworden, elf Uhr abends vorbei, als sie in die Trambahn stiegen. Der Geheimbeamte, oder was im­mer er sein mochte, war wieder die Freundlichkeit selbst, unterhielt sie aufs munterste während der Fahrt, aber die Butlies war müde geworden und hörte nicht genau hin. Als er sich zwischendurch erkundigte, ob sie seine Adresse noch wisse, sagte sie automatisch nein. Diese Antwort und der Umstand, daß Kürten im Tramwagen einen Bekannten erblickte, der sich später si­cher daran erinnert haben würde, ihn mit der auffallen­den Butlies gesehen zu haben, retteten ihr das Leben.
Kürten führte die Butlies in den Grafenberger Wald, und am Ende der Wolfsschlucht fiel er über sie her. Sie wehrte sich mit aller Kraft, doch er würgte sie, bis sie fast das Bewußtsein verlor. Ein paarmal ließ er locker, so daß sie Atem holen konnte, um sich dann von neuem auf sie zu stürzen.
"Schließlich packte ich sie im Nacken und riß ihr den Kopf zurück, so fest ich konnte. Ich küßte sie. Ich fragte, ob sie jetzt willig sei. Sie wagte nicht mehr, sich zu wei­gern. Der Geschlechtsverkehr fand im Stehen statt. Das Würgen hatte mich sehr erregt. Nachher brachte ich sie in die Nähe einer Straßenbahnhaltestelle und ging auf einem anderen Weg in die Stadt zurück."
Maria Butlies,  verstört und ziemlich mitgenommen, fand beim Morgengrauen Obdach im Gertrudisheim. Am 17. Mai schrieb sie an Frau Brückner, die Zufallsbekannte vom Bahnhof, daß sie noch immer kein richtiges Quartier hätte, und berichtete auch von ihrem Abenteuer, das sie "fast das Leben gekostet hätte".
Die Handschrift der Butlies war zwar schief und krumm wie die eines Kindes, doch der Brief war ganz richtig an die in der Bilker Allee wohnhafte Frau Brück­ner adressiert. Nichtsdestoweniger lieferte ihn der Briefträger, der sich nicht die Mühe genommen hatte, die Adresse genauer anzusehen, bei einer Frau Brüggemann ab, die ebenfalls in der Bilker Allee, aber ein paar Häuser weiter wohnte.
Ob die Zufallsbekannte vom Bahnhof, zu der sich die vagabundierende Butlies so hingezogen fühlte, diesen Brief den Behörden übergeben hätte, ist mehr als fraglich. Aber Frau Brüggemann brachte ihn sofort zur Krimi­nalpolizei. Was Maria Butlies schrieb, deckte sich mit den Berich­ten, die von verschiedenen anderen überfallenen Frauen abgegeben worden waren - der Ort des Überfalls, die Methode der Durchführung, alles wies eindeutig auf den unbekannten Mörder hin.
Nun galt es nur noch herauszufinden, ob die Briefschreiberin nähere Angaben machen konnte. Maria Butlies wurde ausfindig gemacht, verhört - sie erzählte und erzählte, hingerissen von der Bedeutung, die man ihrer Person beimaß. "Für ein Wurstbrot wollte er, daß ich mich ins Bett lege! Und redet zuerst große Worte, verscheucht den netten Mann, mit dem ich vorher ging, jagt mir einen Schrecken mit dem Düsseldorfer Mörder ein - und dann bringt er mich selber beinahe um!"
"Er hat Sie zum Geschlechtsverkehr gezwungen?"
"Das war nicht der Rede wert", sagte Maria Butlies, eine Expertin auf diesem Gebiet. "Ich hab' so gut wie nichts davon gespürt. Bevor ich noch richtig was merkte, ist er schon fertig gewesen."
Sie gab über alles detaillierte Auskünfte - nur wo die Wohnung des Würgers war, das wußte sie nicht mehr. "In der Nähe des Bahnhofviertels, so ungefähr, wir sind von dort aus noch ein ganzes Stück gegangen, ich kenn' mich in Düsseldorf nicht aus, außerdem war es dunkel, wer denkt schon daran, auf die Adresse zu achten ..."
Zwei Polizeibeamte begleiteten Maria Butlies in die Straßengegend, die sie vage in Erinnerung hatte, und wanderten stundenlang mit ihr herum, aber das Resultat war gleich Null.
Am 21. Mai fiel der Butlies ein, daß sie an jenem Un­glücksabend auf einem Straßenschild die Aufschrift Mettmanner Straße gelesen hatte.
Nun konzentrierte sich die Suche auf die Mettmanner Straße - war es dieses Haus? Oder jenes? Die Butlies zuckte die Achseln, sie wurde immer verwirrter. Schließ­lich kamen ihr die Erkerfenster bei Nr. 71 bekannt vor, aber sicher war sie nicht.
Der eine Polizeibeamte wartete auf der Straße, der an­dere betrat mit ihr das Haus, aber plötzlich meinte sie: "Ich glaube, ich habe mich geirrt!"
Die Polizeibeamten vereinbarten mit ihr, daß sie sich nachmittags auf dem Präsidium melden solle, und gingen. Maria Butlies blieb eine Weile auf der Straße stehen, vielleicht war es doch das richtige Haus, dieser Kerl sollte büßen für das, was er ihr angetan hatte!
Sie stieg die Treppen hinauf und stieß auf Fräulein Käthe Wimmer. Während die beiden auf dem Flur standen und sich unterhielten, öffnete sich die Tür der Kürtenschen Woh­nung, und Kürten kam heraus, ohne Rock, einen Eimer in der Hand, ging zum Wasserhahn, ließ den Eimer voll­laufen und ging in die Wohnung zurück.
"Ist das der Mann, den Sie suchen?" fragte Fräulein Wimmer aufgeregt. "Ich weiß nicht", sagte Maria Butlies. "Ich hab' keine Ahnung. Nein, das war er nicht." Fräulein Wimmer war anderer Meinung. Sie schrieb auf einen Zettel den Namen Peter Kürten und sagte der Butlies, daß diesem Mann alles zuzutrauen wäre. Nachmittags gab die Butlies den Zettel der Polizei. Sie war jetzt sicher, daß das Haus Mettmanner Straße 71 das richtige war, aber was diesen Peter Kürten betraf, hätte sie ihn eigentlich nicht wiedererkannt.
In seinem Geständnis erklärte Kürten:
"Am Mittwoch, dem 21. Mai, blickte ich zufällig über das Treppengeländer und sah die Butlies in Begleitung eines Polizisten. Die Butlies ist leicht zu erkennen, sie ist sehr blond, schlitzäugig und hat O-Beine. Ich beobach­tete, wie sie sich umschaute. Dann verließ sie gemeinsam mit dem Polizisten das Haus. Aber kurze Zeit darauf war sie wieder da. Ich ging gerade Wasser holen, da stand die Butlies mit Fräulein Wimmer auf dem Flur. Die Butlies starrte mich an. Ich war sicher, daß sie mich erkannt hatte. Mir war klar, was nun geschehen würde."
Kürten, der seit Wochen arbeitslos war, steckte das Sparkassenbuch seiner Frau ein und verließ die Woh­nung. Er hob 140,- RM ab und wanderte den ganzen Tag durch die Straßen.
Abends holte er Auguste von ihrer Arbeitsstelle ab.
"Ich sagte meiner Frau, daß ich aus der Wohnung ver­schwinden müsse. Ich erklärte ihr die Geschichte mit der Butlies, allerdings nicht das Ganze, ich tat, als hätte es sich bloß um den Sexualverkehr gehandelt, aber ich sagte meiner Frau: 'Diese Butlies scheint mich angezeigt zu ha­ben, und wenn sie es als Vergewaltigung hinstellt, dann kann das, in Anbetracht meiner Vorstrafen, für mich bit­ter werden. Deshalb muß ich aus der Wohnung heraus.'"Auguste Kürten ging heim. Allein.
Kürten trieb sich die Nacht über ruhelos in der Stadt herum. Im Morgengrauen schlich er sich in seine Woh­nung, packte ein paar Kleidungsstücke ein und machte sich wieder davon. Er hätte in der Nacht des 21. Mai unbesorgt in seiner Wohnung schlafen und auch den darauffolgenden Tag in aller Ruhe dort verbringen können.

Die Polizei ließ sich Zeit. Die Düsseldorfer Justitia hatte nicht nur eine Binde vor den Augen, sondern auch Blei in den Füßen.
Erst am Morgen des 23. Mai wurden die Kriminal­beamten Fütterer und Struck in die Mettmanner Straße 71 geschickt. Sie klopften an Kürtens Tür, aber niemand öff­nete.
Daraufhin begaben sie sich zu dem Kaffeehaus, wo Auguste Kürten als Spülerin beschäftigt war, und kehrten mit ihr in die Wohnung zurück.
Dort berichteten sie ihr von dem Überfall auf Maria Butlies und visitierten den Schrank und die Kommoden­fächer. Da sie Kürten nicht hinter den Anzügen fanden, erkundigten sie sich nach seinem Aufenthalt.
Sie erfuhren von Auguste, daß heute der Tag war, an dem er seine Unterstützung beim Arbeitsamt ausbezahlt bekam.
Die Kriminalbeamten hinterließen für Peter Kürten, den mutmaßlichen Massenmörder, eine schriftliche Vor­ladung, sich auf dem Polizeipräsidium zu melden.
Kürten stand auf der gegenüberliegenden Straßenseite, als die beiden von der Polizei gesandten Beamten aus dem Tor traten und sich entfernten. Die Luft war rein, Kürten ging nach oben. Er las die Vorladung und hörte, daß ihn die Detektive jetzt wahr­scheinlich beim Arbeitsamt suchten. Auguste bestand dar­auf, daß er sofort das Haus verließ. "Sie werden sicher zurückkommen! Ich will nicht, daß du in unserer Woh­nung verhaftet wirst." Aber sie willigte ein, ihn um halb zwölf im Hofgarten zu erwarten.
"Die Detektive behaupten, du hast dieses Mädchen überfallen." Kürten schwieg. "Du hast dir also etwas Schreckliches zuschulden kom­men lassen", sagte Auguste. Kürten ging zur Tür. Er sagte: "Ja, ja, ich habe alles gemacht!"
Sie trafen sich, wie vereinbart, im Hofgarten. Die Aussprache, die sie miteinander hatten, dauerte elfeinhalb Stunden.
Während dieser Zeit waren sie, eine kurze Pause aus­genommen, ununterbrochen auf den Beinen. Rastlos durch den Hofgarten, nur mit sich und ihrem Schicksal beschäftigt, hin und her über die Rheinbrücke, immer wieder von einem Brückenende zum andern, blind für alles um sie herum. Dann die Rheinwiesen entlang, Kilo­meter um Kilometer, bis die Dämmerung kam, gehend, redend, bis es Nacht wurde, und schließlich zurück durch die Stadt, im Laternenschein übers dunkle Pflaster. Sie hatten sich ausgesprochen, er hatte nichts von Reue er­wähnt und sie für ihn kein Wort des Mitleids gefunden. Als sie sich der Mettmanner Straße näherten, schlug es elf vom Turm der Vinzenzkirche - für alles, was sie sich noch zu sagen gehabt hätten, war es zu spät geworden.
Als Auguste ihren Mann vormittags im Hofgarten ge­troffen hatte, wußte sie nur von dem Überfall auf Maria Butlies. Aber dann brachte er ihr allmählich bei, daß es noch eine andere böse Sache gab, die auf sein Konto ging, sie hatte sicher davon gelesen, im August vergangenen Jahres - Gertrud Schulte. (Kürten mußte sich klargewor­den sein, daß die Polizei als nächstes das Mädchen, das dreizehn Messerstiche überlebt hatte, zur Konfrontierung herbeiholen würde.)
Der Fall Schulte, erklärte Kürten seiner Frau, bedeu­tete eine lange Zuchthausstrafe, einen Abschied für Jahr­zehnte, vielleicht für immer.
Augustes Antwort auf diese Eröffnung war prompt und aufschlußreich. Kürtens Schicksal wie auch die blu­tige Tat, die er ihr soeben eingestanden, schienen sie nicht zu berühren. Auguste, maßlos erregt, sagte: "Und was wird aus mir?"
Sie zitterte am ganzen Leib, während sie immer weiter von sich sprach, von ihren Jahren - sie war fünfzig - und was aus ihr werden sollte, wenn sie verbraucht, gebrech­lich und nicht mehr arbeitsfähig sein würde.

"Ich konnte sie nicht beruhigen", erklärte Kürten spä­ter. "Sie steigerte sich immer mehr hinein. Sie redete nur noch von Arbeitslosigkeit, Armut und Elend, die ihr be­vorstanden." Ihre Verzweiflung war - ganz objektiv betrachtet - nicht die einer liebenden oder zumindest mitfühlenden Frau. Auf dem Weg durch den frühlingsgrünen Hofgarten, als Auguste die Fassung verlor, hatte sich Kürten - "Seit ich wußte, daß man mir auf der Spur war, hatte ich mit dem Leben abgeschlossen" - noch in der Hand.
Er beruhigte, tröstete; als es Mittag wurde, kehrten sie in einer Gaststätte in der Duisburger Straße ein. Auguste brachte keinen Bissen hinunter. Dann nahmen sie wieder ihre rastlose Wanderung auf. Kürten täuschte eine Kaltblütigkeit vor, die er nicht mehr besaß. Die letzten achtundvierzig Stunden hatten ihn gezeichnet, seine Augen waren umschattet, scharf sprang die Nase vor.
"Hast du eine Bleibe gefunden?"
"Ich hab' mir eine Kammer gemietet. Unter falschem Namen." Auguste erkundigte sich nicht nach seiner Adresse. Sie sagte: "Es ist alles umsonst, das beste wäre, wenn du Selbstmord begehen würdest. Mach Schluß mit dir, und ich werde mich auch umbringen, was hab' ich denn in diesem Leben noch zu erwarten!"
Auf dem langen Weg durch die Rheinwiesen fing sie wieder von ihrer traurigen Zukunft an und ließ nicht locker. "Die Kriminalbeamten werden zurückkommen - was dann? Sie werden dich suchen, finden, ins Zuchthaus bringen." Die Erinnerung an die beiden Detektive rief in ihr einen neuen Gedanken wach:
"Was hast du heute morgen eigentlich damit gemeint, mit diesem: 'Ich habe alles gemacht'." Kürten war am Ende seiner Kraft.
"Schwör mir zu, daß du mich nicht verraten wirst!" Sie hob die Hand und schwor.
"Wenn du dein Wort brichst, mach' ich dich kaputt, genau wie die anderen." "Wie die anderen?" "Ich bin der Düsseldorfer Mörder", sagte Kürten. Hier, am Ufer des Rheins, wo er die Schulte ins Wei­dengebüsch geschleift und die Dörrier getötet hatte, legte Kürten sein großes Geständnis ab.
Er schilderte der entsetzten Auguste jeden Fall, wo und wie er die Tat vollbracht, jetzt erfuhr sie von Schere, Dolch und Hammer - sie rief: "Das kann nicht wahr sein!"
Kürten zählte alle Namen auf, angefangen mit Chri­stine Klein. Er war nicht mehr imstande zu schweigen, es brach aus ihm heraus. Die Februarverbrechen, die Orgien der Mordlust im vergangenen Sommer. Ohlinger, Scheer, Hahn, Lenzen, Hamacher, Schulte, Reuter, Dörrier, die kleine Albermann.
"Das alles hast du wirklich begangen?"
"Ja."
"Auch die unschuldigen Kinder?"
"Ja."
"Warum hast du es gemacht?"
"Ich weiß nicht", sagte er. "Es ist über mich gekom­men."
Seine Beichte dauerte stundenlang, die Dämmerung fiel, Auguste wollte heimgehen. Er klammerte sich an sie. "Bleib noch, bleib! Gestern nacht hab´ ich zum erstenmal in meinem Leben geweint. Laß mich nicht allein, hör mich an!"
Die grausige Chronik ging weiter: Brandstiftungen, Überfälle, gewürgt, gestochen oder zugeschlagen mit dem Hammer, zuletzt noch vor vierzehn Tagen, und wie es ihn zum Grab der Hahn zurückgezogen. Als Junge hatte er zwei Schulkameraden ins Wasser gestoßen, um zu­sehen zu können, wie sie ertranken. Auguste sagte später: "Es war, als müßte er sprechen, ob er wollte oder nicht. Noch nie hatte ich ihn in einem solchen Zustand gesehen, er war wie ein Irrer!"
Nach der rasenden Beichte schien er sich nicht erleich­tert, nur ernüchtert zu fühlen. Die Dunkelheit war angebrochen, sie machten sich auf den Heimweg. In Kürtens Aussage hieß es: "Da gab mir meine Frau nochmals den Rat, daß ich mich umbringen sollte. 'Stirb', sagte sie, 'dann wird Ruhe sein.' Sie war verzweifelt. Ich hatte einen Einfall. Ich sagte: 'Ich könnte dich finanziell sicherstellen. Du mußt nur zur Polizei gehen und erzäh­len, was du weißt, auf meine Ergreifung sind 15 000 Mark Belohnung ausgesetzt'."
Auguste wies in einem späteren Protokoll diese Be­hauptung heftig zurück - nein, es sei kein Wort über die Belohnung gefallen! Im Gegenteil, Kürten hätte sich plötzlich zusammengerafft und erklärt, daß er fliehen werde.
"Wenn du den Mund hältst, werden sie mich nicht fas­sen. Ich werde nie lange in der gleichen Stadt und auf der gleichen Arbeitsstelle bleiben, niemand wird mich finden."
Vielleicht wäre sein Plan - zumindest für einige Mo­nate - geglückt. Kürten war ein Heuchler, dem jeder Vertrauen schenkte, und die Gewißheit, daß ihm die Po­lizei auf den Fersen war, hätte ihn fürs erste vorsichtig gemacht. "Wann willst du fort aus Düsseldorf?"
"Vielleicht morgen abend, spätestens Montag. Guste, versprich mir, daß du dir kein Leid antun wirst!"
Sie gingen durch die Stadt, ein ältliches Paar, das nie­mand beachtete. Es hatte eine Zeit gegeben, da war Auguste stolz gewesen, mit ihm gesehen zu werden. Er begleitete sie bis in die Nähe der Mettmanner Straße, ihr Mann, auf dessen Kopf ein Preis von 15 000 Mark stand. Die Belohnung würde voraussichtlich Maria Butlies aus­gezahlt werden, diesem Frauenzimmer, mit dem sich Kür­ten in der ehelichen Wohnung abgegeben hatte. Da war die Eifersucht, die Angst vor der Zukunft, das Entsetzen, das sein Geständnis in ihr hervorgerufen hatte - auf die Frage, was in Auguste vorgegangen sein muß, gäbe es allzu viele plausible Antworten.
Jedenfalls wußte sie: ob er floh oder ob ihn die Polizei faßte, er war ihr verloren, sie würde allein zurückbleiben.
Zum Abschied sagte er:
"Willst du mich noch ein allerletztes Mal sehen, dann sei morgen um drei Uhr bei der Rochuskirche." Wenn Kürten je einem Menschen restlos vertraut hatte, dann war es Auguste.
Nach fünfzehn Monaten des Mißerfolges, nach ver­zeihlichen Irrtümern und unentschuldbaren Versäumnis­sen, nach dem letzten Schildbürgerstreich, dem Mörder eine schriftliche Vorladung zu hinterlassen, leitete man im Polizeipräsidium plötzlich logische Maßnahmen ein. Jetzt wurden eiligst alle Zeugenaussagen verglichen, jetzt fand auch Kürtens Personalstrafakte Beachtung. Von den siebenundvierzig Jahren seines Lebens, hatte er genau die Hälfte hinter Gittern verbracht, acht seiner Vorstrafen gingen auf Gewalttätigkeiten zurück.

Am Nachmittag brachen Kriminalbeamte die Kürtensche Wohnung auf, alle seine Kleidungsstücke kamen ins Polizeilabor, um dort auf Blutspuren untersucht zu wer­den. Auguste, die kurz nach elf Uhr nachts das Haus be­trat, wurde von Detektiven in Empfang genommen, ins Präsidium gebracht und verhört. Nachdem sie ausgesagt hatte, behielt man sie in "Schutzhaft".
Am folgenden Tag, dem 24. Mai 1930, waren rund um die Rochuskirche an die zwanzig Kriminalbeamte und Polizisten postiert. Sie hielten sich in den Haustoren und hinter den offenen Fenstern im Parterre gelegener Woh­nungen verborgen.
Auguste hatte gesagt: "Der, dem ich die Hand geben werde, der ist es!" Ihr Hinweis war unnötig gewesen, die Polizei besaß genügend Lichtbilder von Kürten, sein Aussehen war jetzt jedem der wartenden Kriminalbeamten bekannt.

Es war Sonntag, die Straße war belebt.
Als die Uhrzeiger auf drei wiesen, tauchte Kürten auf. Er kam näher, ein stiller Spaziergänger inmitten anderer Passanten. Auguste trat ihm entgegen und reichte ihm die Hand.
Ein Augenzeuge berichtet: "Ich sah, wie von allen Sei­ten Polizisten herbeistürzten. Sie umzingelten ein Paar, das beim Pfarrhaus der Rochuskirche stand. Ein Krimi­nalbeamter schrie aufgeregt: 'Jetzt haben wir den Düs­seldorfer Mörder!' Im Nu hatte sich ein großer Men­schenauf lauf gebildet."
Kürten war umstellt. Kriminalkommissar Fritz Reibel, ein Bulle von Mann, schritt mit gezogenem Revolver auf ihn zu.
"Ich bin nicht bewaffnet", sagte Kürten ruhig. Er ließ sich ohne jeden Widerstand fesseln und zur Revierwache bringen. Dort gab er gelassen zu, daß sämt­liche bisher unaufgeklärten Mordtaten und Überfälle von seiner Hand durchgeführt worden waren. Kürten wurde einem kurzen Verhör unterzogen, aber noch nicht zu einem umfassenden Geständnis aufgefor­dert. Die Kriminalbeamten waren auf äußerste Vorsicht bedacht, um jeder Kritik an ihren Untersuchungsmetho­den entgegentreten zu können. Die Empörung der Öffent­lichkeit über die Affäre Stausberg hatte zu weite Kreise gezogen, als daß die Polizei sich ein zweites Mal nach­sagen lassen konnte, ein Psychopath sei gefügig gemacht und das Beweismaterial nicht überprüft worden.
Eine Stunde nach der Verhaftung wurde eine Rund­fahrt zu den einzelnen Tatorten unternommen, man überließ Kürten dabei die Führung, er mußte von sich aus die Weisungen geben, wo sich die Fundstellen der Leichen befanden, wo die Überfälle stattgefunden hat­ten.
Schon auf dieser Fahrt war es klar, daß Kürten kein Selbstbezichtigungsfanatiker war. Er sprach über Einzel­heiten, die nur dem wahren Täter bekannt sein konnten. Auch im übrigen zeigte er sich mitteilsam. Es sei sein Ziel gewesen, erklärte er, Verbrechen in großer Zahl und auf möglichst schreckliche Weise zu verüben. Was die bereits begangenen Taten anbetraf, so sagte er: "Die Welt wird staunen, was alles herauskommt!"

Nach Beendigung der Rundfahrt wurde er ins Polizei­präsidium eingeliefert und dort mit Maria Butlies und Gertrud Schulte konfrontiert.
Er erblaßte, als er sie sah.
Dann begann das Verhör.
Die Voruntersuchung dauerte monatelang. Ob Kür­ten eine Rolle spielte, in der er sich gefiel, oder ob er wirklich von unerschütterlicher Gelassenheit war, sei da­hingestellt - jedenfalls verlor er nie die Haltung. Er war den Ärzten gegenüber, die seinen Geisteszustand über­prüften, genauso aufgeschlossen und zugänglich wie bei den Vernehmungen. Der Untersuchungsrichter, Dr. Hertel, hatte den Ehrgeiz, der Staatsanwaltschaft ein lücken­loses Beweismaterial vorzulegen, und wenn die Polizei damit nicht dienen konnte, kam Kürten bereitwillig zu Hilfe. Er gab nicht nur Anweisungen, wo sich die beiden versteckten Armbanduhren und der Ring der Reuter befanden (die trotz mehrfacher, gründlicher Hausdurch­suchungen noch immer hinter den Dachsparren ruhten, gemeinsam mit dem letzten Mordhammer), er beschrieb auch die Stelle beim Sportplatz Fortuna, wo er - für künf­tige Verbrechen - zwei neue Hämmer verborgen hatte, und nur durch Kürtens exakte Direktiven entdeckte man im Hofgarten das Hammereisen, das beim Angriff auf Frau Wanders abgebrochen und in die Büsche geflogen war.
Die Voruntersuchung verlief ohne Schwierigkeiten. Daß er sich zuerst vor der Polizei dreier Morde bezich­tigt hatte, an denen er unschuldig war, tat Kürten mit einem Achselzucken ab - die Zeitungsberichte über die teils in Altenburg, teils in Düsseldorf verübten Morde hätten seine Phantasie schon seit langem beschäftigt, so daß er sie impulsiv als seine eigenen ausgegeben hätte.
Die fälschliche Selbstbeschuldigung, ein störender Schönheitsfehler in einer Beweisführung, die vorbildlich sein sollte, konnte anstandslos eliminiert werden. In zwei anderen Punkten aber blieb Kürten hart: Er bestritt, einen seelischen Zusammenbruch erlitten zu ha­ben, als er sich seiner Frau anvertraut hatte. Ferner be­hauptete er zäh, das Motiv seiner Taten sei Rache gewe­sen, weil er als Zuchthäusler zu den Ausgestoßenen der menschlichen Gesellschaft gehört hatte.
(Erst vor Gericht gab er in bezug auf den Zusammen­bruch zu: "Für jeden Verbrecher kommt ein Moment, wo er nicht mehr weiterkann" und entschloß sich zu dem Bekenntnis: "Der Grund zu meinen Taten ist meine ge­schlechtliche Veranlagung gewesen.")
Abgesehen von der naiven Scham, mit der Kürten den Zusammenbruch und seine sadistischen Triebe leugnete, blieb er bei der Wahrheit.
Die Aktenbündel wuchsen, alles ging glatt. Bis zum 27. Juni 1930, an dem Kürten plötzlich seine Geständ­nisse widerrief. Nur die Brandstiftungen sowie diejenigen Fälle, bei de­nen das Opfer verletzt, aber nicht getötet worden war, gab er zu. Hatte Kürten - auch wenn er vorher immer erklärt hatte, was nützt es mir, mit einer Zuchthausstrafe da­vonzukommen, ich würde das Gefängnis ja doch nur als alter Mann verlassen - einen verzweifelten Versuch ge­macht, seinen Kopf zu retten?
Im August widerrief Kürten den Widerruf und be­kannte sich zu seinen früheren Geständnissen.
Die Voruntersuchung verlief wieder im besten Einver­nehmen. Kürten bekam einen zweiten Tisch in die Zelle gestellt, um seine Schriftstücke aufbewahren zu können. Er betraute Rechtsanwalt Dr. Alex Wehner mit seiner Verteidigung. Er erkundigte sich wiederholt, ob seine Frau die ausgesetzte Belohnung bekommen würde. Kürten war ein ruhiger Häftling, aber unbeliebt bei den Aufsehern.

Zu Weihnachten schickte er dem Untersuchungsrichter und dem Präsidenten des Strafvollzugsamtes eine Glück­wunschkarte. Er hielt auf Form.
Man sollte erwarten, daß ein Prozeß, in dem der Ur­teilsspruch bereits vorher feststeht, nicht viel Spannung auslöst. Aber die Praxis beweist das Gegenteil. Die Dra­matik scheint durch das unvermeidliche, unerbittliche Ende noch verstärkt zu werden. Ein Monsterprozeß, bei dem der Angeklagte keine Chancen hat, übt auf die Öf­fentlichkeit die gleiche Faszination aus wie ein Stier­kampf - bei dem das Tier sich wehren darf, aber in der Arena sein Leben lassen muß.
Es gab in Düsseldorf keinen Gerichtssaal, der groß ge­nug gewesen wäre, um als Schauplatz für den Kürten-Prozeß zu dienen.
Man entschloß sich, die Schwurgerichtsverhandlung in der Turnhalle der Schupo-Unterkunft abzuhalten. Um den Rahmen würdig zu gestalten, wurde die Halle umgebaut. Es wimmelte von Maurern, Schreinern, An­streichern. Wände wurden gezogen, Zeugen-, Presse-, Beratungszimmer errichtet, Kalk spritzte, Hobelspäne flo­gen, man scheute keine Kosten. Überall roch es nach fri­scher Farbe. Für die Richtertribüne wurde Eichenholz verwendet.
Alles für Kürten, der in einem einzigen Zimmer, ge­meinsam mit zehn Geschwistern, aufgewachsen war und es auch später nur zu einer Mansarde unterm Dach ge­bracht hatte. Seiner pathologischen Eitelkeit muß es eine tiefe Ge­nugtuung gewesen sein, daß man seinetwegen solche Anstrengungen machte, seiner einmaligen Person mit Eichenholz, Wänden und Stufen, mit Korridoren und Telefonleitungen Tribut zollte! Seine Geschwister, Eltern, Schulkollegen, Arbeitsge­fährten, sie alle waren Unbekannte, ein Teil der namen­losen Masse geblieben, einzig ihm war es gelungen, von der Welt beachtet zu werden. Er war zu schauerlichem Ruhm gelangt.


Zu dem Prozeß hatten sich, abgesehen von der deut­schen Presse, an die neunzig Auslandsjournalisten ange­sagt. Schon am Abend vor der Verhandlung fanden sich die ersten Leute ein, die gewillt waren, die ganze Nacht auf der Straße zu stehen, um einen Platz im Auditorium zu rinden. Um zwei Uhr nachts waren es bereits Hunderte geworden. Am Morgen strömten solche Menschenmassen herbei, daß das Viertel von der Polizei abgeriegelt wer­den mußte.
Das Schwurgericht, das am 13. April 1931 mit der neun­tägigen Verhandlung gegen Kürten begann, hatte fol­gende Besetzung:
Landgerichtsdirektor Rose als Vorsitzender, zwei Land­gerichtsräte als beisitzende Richter, sechs Geschworene.
Die Anklage wurde durch Oberstaatsanwalt Dr. Eich und Staatsanwaltschaftsrat Jansen vertreten.
Verteidiger war Dr. Alex Wehner.
Im Publikum waren nicht nur zahlreiche Juristen und interessierte Psychiater, sondern auch viele Frauen, die den Lustmörder ausgefahrloser Nähe sehen wollten. Kürten trug einen dunklen Anzug. Er hatte das Haar frisch geschnitten.
Neben vierzig Brandstiftungen warf ihm die Anklage in neun Fällen Mord, in sieben Fällen versuchten Mord vor. Der Doppelmord an den beiden Knaben, die Kürten als Junge ins Wasser gestoßen hatte, kam nicht zur Ver­handlung, da die Tat verjährt und Kürten außerdem da­mals neun Jahre, also nicht strafmündig gewesen war.
Auf die Frage des Vorsitzenden, ob er sich zu den Punkten der Anklage schuldig bekenne, sagte Kürten mit leiser Stimme:
"Ja."
Über seine Jugend und zur Person befragt, antwortete Kürten zuerst nur zögernd. Er stockte ein paarmal, ver­suchte immer wieder von vorn zu beginnen, allmählich aber legte sich seine Befangenheit.
"Ich wurde in Köln-Mülheim geboren. Mein Vater war ein schwerer Trinker und ein gewalttätiger Mann. Es kam zu furchtbaren Prügelszenen. Meine Kindheit kann man nur als ein Martyrium bezeichnen ..." Der Prozeß war im Rollen.
Am zweiten Tag wurde die Öffentlichkeit ausgeschlos­sen, da das Triebleben des Angeklagten zur Sprache kom­men sollte. Nur Ärzte und Juristen waren zugelassen, von den Reportern durften nur zwei Dutzend teilneh­men, sie losten es untereinander aus.
Am dritten Tag begann der Aufmarsch der Zeugen, angefangen von dem Kriminalkommissar, der Kürten verhaftet hatte (ein Düsseldorfer Kind, schrieben die Lokalzeitungen voller Stolz, Sohn des verstorbenen Hof­metzgermeisters), bis zu Maria Butlies.
Ihr dummes und vulgäres Geschwätz setzte den Ge­richtshof in Verlegenheit, man schnitt ihr so oft wie möglich das Wort ab und entließ sie in großer Eile. Eine Frau nach der anderen, die Kürten lebend entron­nen war, wurde vernommen. Das Publikum wartete vergeblich, Frau Kürten zu Ge­sicht zu bekommen.
Auguste, die nach Kürtens Verhaftung einen Nervenzusammenbruch erlitten und in einem stillen, ländlichen Krankenhaus Erholung gefunden hatte, war inzwischen von Kürten geschieden worden.
Man hatte - um sie zu schonen - darauf verzichtet, sie persönlich vorzuladen. Die beiden beisitzenden Richter lasen abwechselnd ihre umfangreiche Aussage aus den Protokollen vor.
Kürten saß währenddem regungslos auf der Anklage­bank, den Blick zu Boden gesenkt.
Dem Gericht wurde Beweismaterial vorgelegt, die bei­den Armbanduhren, der Ring, blutbefleckte Kleidungs­stücke, verschiedene Mordwaffen. Und vier Totenschädel, mit zertrümmerten Schläfen, mit dreieckigen und lanzettenförmigen Löchern, die von Stichen herrührten.

Die graphologischen Experten erschienen und bewie­sen, daß die anonymen Briefe, die - mit einiger Verzöge­rung - zur Entdeckung der vergrabenen Marie Hahn ge­führt hatten, von Kürten geschrieben worden waren.
Vier Ärzte, Professor Karl Berg, Professor Sioli, Pro­fessor Hübner und Dr. Raether, gaben vier lange münd­liche Gutachten ab, die alle auf das gleiche hinausliefen: Kürten sei abartig veranlagt und von früher Jugend an ein Sadist. Er hatte seine Taten im Blutrausch, aber trotzdem bei vollem Bewußtsein begangen. Eine Geisteskrank­heit im medizinischen Sinn liege nicht vor, auch wenn er eine gewisse geistige Abnormität aufweise, die sich in psychologischen Abwegigkeiten, in seiner überaktiven Phantasie, dem Hang zur Grausamkeit und einer durch das Milieu seiner Kindheit entwickelten moralischen Min­derwertigkeit äußere. Aber seine Zurechnungsfähigkeit sei dadurch nicht berührt und der Paragraph 51 auf ihn nicht anwendbar. Der sexuell-perverse Mensch könnte ge­nau wie der sexuell-normale Mensch seine Triebe zügeln.
Als die Zeugenaussagen abgeschlossen waren, richtete der Vorsitzende an Kürten die Frage, ob er je Reue emp­funden habe.
Kürten: "Ich kann versichern, daß ich tiefes Mitleid habe mit den unglücklichen Opfern, namentlich den Kin­dern, ich bin heute vollständig ernüchtert von dem furcht­baren Zustand, in dem ich mich damals befand."
Vorsitzender: "Meine Frage ging nicht dahin, ob Sie jetzt Mitleid empfinden, sondern ob Sie damals während oder unmittelbar nach den Taten Reue spürten."
Kürten: "Das allerdings nicht."
Oberstaatsanwalt Dr. Eich begann sein Plädoyer mit den Worten: "Sein Ziel, der König der Sexualverbrecher zu werden, hat Kürten erreicht" und schloß: "Wenn je ein Mörder die Todesstrafe verdient hat, so ist er es."
Er beantragte die Todesstrafe wegen Mordes in neun Fällen, in drei Fällen begangen mit Notzucht, in einem weiteren Fall mit gewaltsamer Vornahme unzüchtiger Handlungen, ferner wegen Mordversuchs in sieben Fäl­len, eine Gesamtzuchthausstrafe von fünfzehn Jahren, Verlust der bürgerlichen Ehrenrechte auf Lebenszeit und polizeiliche Aufsicht.
Dr. Wehner, der Verteidiger, hatte eine hoffnungslose Aufgabe zu bewältigen. Er wies auf Kürtens erbliche Be­lastung hin und erklärte, wenn das Gericht an das Ge­ständnis des Angeklagten glaube, dann möge es ihm auch glauben, was er über seinen seelischen Zustand gesagt habe, daß er ohne Vorsatz und in unbezähmbarer Erre­gung gehandelt habe. "Menschliche Schuld ist nicht zu ermessen nach der Furchtbarkeit der Tat. Was juristisch gesehen Schuld ist - menschlich gesehen ist es zum größ­ten Teil Schicksal.
Kürten hatte das Schlußwort.
In dem überfüllten Saal herrschte tiefste Stille, als er sich erhob und langsam zu sprechen begann:
"Ich versuche nicht, meine Taten zu entschuldigen, und ich bin bereit, die Folgen auf mich zu nehmen. Ich glaube, daß ich Anspruch darauf habe, daß man mir glaubt. Ich habe alles ganz freiwillig gesagt und alles offenbart. Eines möchte ich betonen: Meine Opfer haben es mir sehr leicht gemacht, sie waren sofort gewillt, mit mir mitzugehen, auch wenn ich sie ins Dunkle führte. Es ist schon so, die Frau jagt nach dem Mann ..."
Vorsitzender (unterbrechend): "Schenken Sie sich diese Ausführungen!"
Kürten: "Gut, dann will ich nur noch sagen, ich glaube, mit meiner Kinderstube wäre keiner der Anwesenden so ehrenwert geworden, wie er es jetzt glücklicherweise ist. Ich bin bereit zu büßen. Wenn ich auch die Todesstrafe nur einmal erdulden kann, so dürfen Sie doch versichert sein, daß es nur eine von vielen ungeahnten Qualen ist, die Zeit vor der Vollstreckung des Urteils durchzuma­chen - dutzende Male habe ich schon den Moment der Todesstrafe erlebt! Wenn Sie das alles in Betracht ziehen und meinen guten Willen, zu büßen und zu sühnen - dann glaube ich, daß sich das große Rache- und Haß­gefühl gegen mich mildern könnte - und ich möchte Sie bitten: Seien Sie versöhnt!"
Das Gericht zog sich zur Beratung zurück, und eindreiviertel Stunden später verkündete der Vorsitzende das Todesurteil.
Dr. Wehner: "Das Urteil kommt weder für mich noch für den Angeklagten überraschend. Wir haben schon frü­her sehr eingehend darüber gesprochen. Kürten will das Urteil annehmen. Sein Entschluß ist das Resultat reif­licher Überlegung."
Vorsitzender (zu Kürten): "Nehmen Sie das Urteil an?"
Angeklagter: "Ja."

Als Kürten abgeführt wurde, erhob sich das Publikum instinktiv von den Sitzen, um ihm nachzusehen, wie er durch die Tür verschwand, ein vorstädtisch gekleideter Akteur, dessen Rolle ausgespielt war.
Nach der Beendigung des Prozesses flammte der Kampf, der damals in Deutschland für und gegen die To­desstrafe ausgefochten wurde, mit großer Heftigkeit auf. Erstaunlicherweise sahen beide Parteien im Fall Kürten ein geeignetes Beispiel für ihre Theorien. Kürten selbst hatte zwar auf jedes Rechtsmittel gegen das Urteil verzichtet, aber ein Gnadengesuch eingereicht. Ob er irgendwelche Hoffnungen hatte, verschwieg er. Nach außen zeigte er sich distanziert, als ginge es nicht um seinen eigenen Hals.
Zu Professor Berg, dem er vertraute, sagte er: "Mit meiner Hinrichtung wird überhaupt nichts erreicht. Ich glaube nicht, daß die Leute mit meinem Blut das Blut abwaschen können, das ich vergossen habe. Es ist nichts als ein Racheakt der menschlichen Gesellschaft. Wozu al­so das Ganze - nur weil die Öffentlichkeit danach schreit?"
Ein anderes Mal erklärte er: "Wenn man mich heute freilassen würde, ich könnte nicht garantieren, daß ich nicht wieder von neuem anfinge, wenn es mich über­kommt."

Die letzte Frage, die er an Professor Berg richtete, war, ob er, wenn man ihm den Kopf abschlug, noch hören würde, wie sein eigenes Blut hervorsprudelte. Das wäre für ihn, so sagte er, "der Genuß aller Genüsse".
In diesen Wochen, während Kürten in seiner Zelle im Gefängnis Düsseldorf-Derendorf auf die Entscheidung des preußischen Staatsministeriums wartete, brachte eine Zeitung die kurze Notiz: "Einer amtlichen Meldung zu­folge ist die Summe von RM 9000,-, die Frau Auguste Kürten als Belohnung erhalten haben soll, zu hoch ge­griffen. "
Kürtens Gnadengesuch wurde am 30. Juni 1931 abge­lehnt. Wie üblich, teilte man es dem Gefangenen einst­weilen nicht mit, sondern traf in aller Stille die notwen­digen Vorbereitungen zur Vollstreckung des Urteils.
Da in dem Düsseldorfer Gefängnis, wo Kürten inhaf­tiert war, kein Hof vorhanden war, der nicht von außen eingesehen werden konnte, wurde Kürten am Mittwoch, dem 1. Juli, um drei Uhr nachmittags im Auto nach dem Kölner Gefängnis Klingelpütz gebracht. Er wußte nicht, daß dies seine letzte Fahrt sein sollte.
Am Spätnachmittag kam Oberstaatsanwalt Eich ins Gefängnis und eröffnete Kürten, daß sein Gnadengesuch abgelehnt worden sei und das Urteil am folgenden Mor­gen vollstreckt werde.
Einen Moment lang schien Kürten zu erstarren. Dann faßte er sich.
Um seine letzten Wünsche befragt, bat er um den Bei­stand des Strafanstaltspfarrers und des Franziskanerpaters Albrecht aus Düsseldorf. Er wollte morgens noch einer heiligen Messe beiwohnen. Er wollte Briefe schreiben. Er wollte Wiener Schnitzel zum Abendessen.
Es kam die Nacht, die kein Ende zu nehmen schien und doch viel zu kurz war.
Die beiden Geistlichen und sein Rechtsanwalt waren bei ihm, ihre Gegenwart schien ihn zu beruhigen.

Kürten setzte sich an den Tisch und schrieb - aus Reue? aus einer Vorstellung von Korrektheit? - Briefe an die Angehörigen von Maria Hahn, Elisabeth Dörrier, Ger­trud Albermann, Rosa Ohlinger, Christine Klein, Ida Reuter, Rudolf Scheer, Luise Lenzen und Gertrud Hamacher.
Auch an Anni Goldhausen und Gertrud Schulte schrieb er.
Es waren jedesmal nur ein paar kurze Zeilen, stereo­type Sätze, in denen er um Verzeihung bat für das, was er verbrochen. "Ich wußte nicht, was ich tat", fügte er zum Schluß hinzu, oder "In meinem Tode will ich süh­nen. "
Dann kam der letzte Brief:
                                                                                                            "Köln, den 2. Juli 1931
Meine liebe gute Auguste!
Du wirst Dir wohl schon Deine Gedanken gemacht ha­ben, daß man Dich gestern abend so plötzlich nach Leip­zig geschickt hat (Kürtens Verteidiger und der Untersuchungsrichter hatten ihr eine Anstellung in Leipzig verschafft, wo ihr Bruder lebte).
Ja es ist schon so meine liebe Guste. Ich hab mir selbst mein Grab gegraben. Und so ist es nun auch geworden. Es ist jetzt drei Uhr morgens. Um 6 Uhr dann habe ich ausgelitten. Liebe Guste es ist doch alles sehr, sehr schwer gewesen, auch die letz­ten Stunden. Und mit dankbarem Herzen muß ich Dir sagen Herr Pater Albrecht, Herr Rechtsanwalt Wehner sowie mehrere andere Herren auch hier von Köln haben mir die letzte Nacht etwas leichter gemacht und mich ge­tröstet. Liebe Guste ich habe auch noch diese Nacht an alle Angehörigen der Opfer geschrieben und sie nochmal alle um Verzeihung gebeten. Meine liebe Guste nun bitte ich Dich auch noch mal so recht von Herzen mir alles zu verzeihen. All das viele Unrecht das ich Dir angetan habe, all die vielen Lieblosigkeiten die ich Dir zugefügt, all die Schmach und Schande. Der liebe Gott sei mit Dir. Ich bitte auch Deine Angehörigen und Verwandten sie möchten mir verzeihen und sende Euch allen noch einen letz­ten Gruß.
Liebe gute Guste bete für mich, im Himmel sehen wir uns wieder."

Kürten blieb die ganze Nacht wach. Um fünf wohnte er der Messe bei, die für ihn gelesen wurde, beichtete und kommunizierte.
Noch eine halbe Stunde, dann war es soweit. Er wurde gefragt, ob er noch irgend etwas wollte. Was hätte er sa­gen sollen - das Leben? Es war eine Frage, die der Ritus gebot, und auch die Antwort hatte dem Ritual zu ent­sprechen. Kürten flüsterte: "Nein."
Man band ihm die Hände auf den Rücken und führte ihn auf den Hof.
Die Guillotine stammte noch aus der Französischen Re­volution. Der Scharfrichter von Magdeburg stand bereit.
Kürten schien sich nur noch mit seinen letzten Kräften aufrecht zu halten. Aber er brach nicht zusammen.
Im Hof hatte sich eine kleine Schar dunkel gekleideter Männer versammelt.
Kürten stieg stumm die Stufen zum Schafott empor.
Der Hinrichtung wohnten verschiedene Mitglieder des Strafsenats, Oberstaatsanwalt Dr. Eich, ein Berliner Ministerialrat, der Präsident des Strafvollzugsamtes und - wie das Gesetz es befahl - zwölf unbescholtene Bürger der Stadt Köln bei.

Die Dialoge dieser Darstellung sind alle aktenkundig.

Quelle: - Kriminalreport - Todesurteile (G. H. Mostar/R. A. Stemmle) Ausgabe 1964 - S. 219-307
            - Textergänzungen und Bildeinschübe aus aktuellen Zeitungen der damaligen Zeit und erichs-kriminalarchiv


 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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